Gute Männerfreunde halten Händchen

Sich an den Händen zu halten ist nicht typisch europäisch. In Neuguinea etwa gilt es als Zeichen tiefer Freundschaft. Foto: Olesia Bilkei / stock adobe

Wir vermissen derzeit körperliche Nähe. Die Frankfurter Ethnologin Eva Raabe spricht über das menschliche Bedürfnis, Händeschütteln und vergleichbare Praktiken in anderen Kulturen.

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FRANKFURT. Nichts vermissen wir mehr als die Nähe – schön wäre es jetzt, mit Freunden ungezwungen beisammen zu sein, nebeneinander und gegenüber zu sitzen, ohne sich um anderthalb Meter Abstand zu scheren. Dieser Wunsch ist zutiefst menschlich, denn körperliche Nähe ist in jeder Gesellschaft wichtig, quer durch alle Kulturen. Das berichtet die Ethnologin Eva Raabe, die seit vielen Jahren am Frankfurter Weltkulturen-Museum arbeitet und es seit Herbst 2019 leitet.

Sich an den Händen zu halten ist nicht typisch europäisch. In Neuguinea etwa gilt es als Zeichen tiefer Freundschaft. Foto: Olesia Bilkei / stock adobe
Eva Raabe Archivfoto: Wolfgang Günzel

Maske als Symbol für die eigene soziale Qualität

Doch Nähe ist nicht gleich Nähe – der Queen oder dem Papst nähern wir uns ja auch nur behutsam, selbst auf freundliche Aufforderung hin. Nähe und Distanz haben also viel mit der Situation und dem Status des Gegenübers zu tun. Das ist in anderen Kulturen ähnlich. In Polynesien wurde früher, so Eva Raabe, „gegenüber den Häuptlingen mehr Distanz gewahrt als gegenüber den anderen Dorfbewohnern. Die Häuptlinge durften nicht berührt werden, weil ihre heilige Kraft als so stark empfunden wurde, dass sie dem anderen schaden könnte.“ Allerdings mussten sie auch gefüttert werden, da sie sich nicht selbst berühren und mit den Händen nicht an die Speisen kommen sollten.

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„Doch der Mensch braucht die körperliche Nähe“, so die 63-jährige Wissenschaftlerin, „den Kindern gibt sie Sicherheit, Schutz und Trost, für Paare bedeutet sie Intimität“. Die Nähe spielt in unserer Kultur auch bei der Begrüßung und beim Abschied eine wichtige Rolle, während andere Kulturen dabei mehr Distanz wahren.

Aber das Händeschütteln ist keineswegs typisch europäisch, erklärt Raabe, es ist in vielen anderen Kulturen verbreitet: „In Neuguinea laufen Männer sogar Händchen haltend durch die Gegend, als Zeichen ihrer tiefen Freundschaft.“ Freilich hat sich die Bedeutung des Handschlags gewandelt. Bei uns gilt er heute als förmlich, eher üblich sind Umarmungen und Küsschen. Doch der Händedruck ist auch, so Raabe, „ein demokratisches Zeichen, denn ein Fürst hätte früher nie seinen Untertanen die Hand gegeben. Und er ist eine friedliche Geste: Ich lege meine Hand in deine Hand, ich erhebe sie nicht gegen dich.“

Aber was hilft uns das im Alltag, wenn wir bei der nächsten Begegnung wieder nicht wissen, wie wir Händeschütteln oder Umarmung elegant umgehen – durch eine leichte Verbeugung oder einen lockeren Ellbogencheck? Es kommt, antwortet Raabe, auf die Situation an, aber auch darauf, wie gut man sich kennt. „Die Abstandsregel ist ja auch eine soziale Schulung. Jetzt sollte man intensiver auf sein Gegenüber achten und mehr in die Augen schauen, weil das Lächeln durch die Maske nicht sichtbar ist. Sicherlich muss auch mehr durch Sprechen erklärt werden, da die nonverbale Kommunikation etwas hinkt.“

Und die Maske, die wir seit drei Monaten tragen, mal still leidend, mal laut maulend? Auch da hat Raabe – Spezialistin für Ozeanien, die Inselwelt des Pazifiks – eine klare Meinung: „Die Maske wird inzwischen als Symbol für die soziale Qualität des anderen wahrgenommen. Wenn jemand in der Bahn oder im Bus keine Maske trägt, nimmt man das als Angriff auf sich selbst wahr – so entsteht rasch eine ablehnende oder aggressive Haltung. Natürlich ist die Maske auch eine Schutzhülle, sie wird als eine Art zweiter Haut empfunden.“

Als Ethnologin beschäftigt sich Raabe viel mit dem Verhalten der Menschen – und kommt zu dem Schluss, dass sie trotz wissenschaftlicher Aufklärung immer noch magisch denken: „Der sogenannte Analogiezauber erlaubt es, ein bedrohliches Geschehen durch eine kontrollierbare Handlung zumindest gefühlsmäßig einzudämmen oder ganz zu bannen. Die Maske hat also auch eine beruhigende Funktion. Dieses magische Denken findet sich sogar im Alltag. Viele tragen einen Talisman, andere vertrauen in Prüfungen auf ein festes Ritual.“

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Unterschiede zwischen den Kulturen nicht so groß

Doch das heißt noch lange nicht, dass wir den ursprünglichen Zivilisationen stärker verbunden sind, als wir zugeben wollen. Das magische Denken „gehört einfach zur psychologischen Verankerung des Menschen. Es ist weltweit in allen Kulturen verbreitet.“ Raabe ist sich sicher: „Die Unterschiede zwischen den menschlichen Kulturen sind gar nicht so groß, wie man immer meint.“