„Gibt keine Szene, außer Frankfurt“

Für Peter Cachola Schmal das wichtigste deutsche Hochhaus- Projekt: der Omniturm in Frankfurt. Foto: Nils Koenning

Der Chef des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt spricht in einem Interview über europäische Elite-Architekten und chinesische No-name-Türme.

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FRANKFURT. Seit 2004 wird der Internationale Hochhaus-Preis vergeben, zuletzt nach Stockholm. Längst bauen viele Architekten überall auf der Welt, vor allem die Europäer. Darüber spricht Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt.

Für Peter Cachola Schmal das wichtigste deutsche Hochhaus- Projekt: der Omniturm in Frankfurt. Foto: Nils Koenning
Peter Cachola Schmal Foto: Kirsten Bucher

Herr Schmal, wo entstehen die spannendsten Hochhäuser?

Die entstehen immer da, wo die größte Dynamik ist, also der größte Bedarf ist und damit auch die größte Zahl an Projekten. Da ist es logisch, dass nur ein kleiner Teil spannend ist. Vieles steht in New York, Singapur und den chinesischen Städten Shanghai, Peking, Shenzhen sowie Hongkong. Von dort kommen oft die Finalisten.

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Werden bestimmte Regionen unterschätzt?

Ja, in Mexiko City tauchten zuletzt interessante Hochhäuser auf, auch in Europa. Vor allem die Qualität der Bauten in Europa ist sehr hoch, obwohl die Gebäude nicht so hoch sind. Man muss zur Ehrenrettung Europas sagen, dass die guten Bauten in den USA oder in Asien etwa zur Hälfte von europäischen Büros entworfen werden. Das Knowhow ist also hier, nur gibt es nicht die Auftragslage, weil wir weniger Türme benötigen.

Von wo kommen denn die besten Architekten?

In den letzten zehn Jahren aus Europa ...

.. tatsächlich?

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Ja, davor waren amerikanische Büros führend. Die Chinesen werden noch kommen. Wir haben für den Hochhaus-Preis etwa 1000 Neubauten weltweit recherchiert; davon wurden die 31 interessantesten nominiert, darunter je sechs in Europa und den USA, aber elf in China. Viele Büros und viele Städte tauchen mehrfach auf. Das Feld ist nicht so riesig bei der Top-Auswahl. Die meisten Bauten entstehen heute in China, davon haben viele keinen Architekten. Dort gibt es eine riesige Menge an No-Name-Türmen, die Standardware sind.

Ticken deutsche und internationale Bauherren ähnlich, und wie sehr unterscheiden sich die Bauvorschriften auf der ganzen Welt?

Jedes Land hat seine eigenen Bauvorschriften, die vom Klima oder vom Brandschutz abhängen. In Deutschland sind wir nicht so viel strenger. Aber wir legen viel Wert auf den Energieverbrauch, in anderen Ländern ist der Brandschutz strenger. Doch die wichtigen Projekte werden von internationalen Investoren realisiert, die mit internationalen Architektur- und Ingenieurbüros arbeiten.

Was ist aktuell das wichtigste deutsche Projekt?

Der Frankfurter „Omniturm", vom Dänen Bjarke Ingels entworfen und vom New Yorker Investor Tishman Speyer realisiert. Das Ergebnis ist Weltklasse. Frankfurt hat also allen Grund, stolz zu sein. Interessant ist, dass Wohnungen und Büros erstmals in Deutschland gemischt werden. In Amerika und Asien ist solch ein Mixed-Use-Hochhaus Standard.

Wie würden Sie die deutsche Hochhaus-Szene beschreiben, welche Zentren gibt es?

Es gibt keine Szene und keine Zentren, außer in Frankfurt. In den letzten zwei Jahren sind in Deutschland nur vier Hochhäuser über 100 Meter gebaut wurden. Seit rund 20 Jahren existieren Pläne für Hochhäuser auf dem Berliner Alexanderplatz, aber davon steht noch kein einziges. Und in München soll ein Hochhaus-Rahmenplan aufgestellt werden.

Hat Deutschland denn aufgeholt in den letzten Jahren?

Der Hochhaus-Preis wurde 2003 in Frankfurt erfunden, als der Commerzbank-Turm sechs Jahre alt und der höchste Europas war. Da war Frankfurt genau der richtige Ort für solch einen Preis. Heute stehen die höchsten Bauten Europas in Moskau und Istanbul. Daran sieht man, wohin die Dynamik gegangen ist. In Europa entstehen viele Türme, die aber niedriger sind als in Asien, etwa in Warschau, in Paris und sehr viele in London.

Aber wie nachhaltig sind Hochhäuser? Und wie lange stehen sie, bevor sie saniert oder abgerissen werden?

In Südkorea werden Hochhäuser schon nach 20 Jahren ersetzt. In Frankfurt wurden Gebäude errichtet, die einen zehnjährigen Mietvertrag hatten. Danach standen sie lange leer. Deshalb wurden sie entkernt, um mit neuer Fassade und neuem Namen andere Projekte zur Vermietung zu kreieren. So gibt es wieder einen zehnjährigen Mietvertrag. Die Nachhaltigkeit solcher Türme ist für die Katz, auch wenn sie die nachhaltigsten Techniken eingebaut haben. Aber Hochhäuser sind per se platzschonend, weil sie weniger Bauplatz benötigen.

Manche halten die 22-Meter-Baumgrenze für eine gute Höhenbegrenzung, weil Hochhäuser die Städte nicht schöner oder lebenswerter machen würden. Was meinen Sie zu diesem Argument?

Diese Einschätzung, nur bis zur Vorkriegs-Hochhausgrenze zu bauen, ist für einige europäische Städte in Ordnung. Wenn aber die Preise für Grund und Boden weiter steigen, dann werden sich höhere Bauten rechnen. Die Moskauer City hat schon 40 Meter Traufhöhe. Auch wir werden mit ein oder zwei Geschossen nicht weiter kommen, je nach Region. Derzeit lohnen sich Hochhäuser nur in der Frankfurter City oder in München, der Stadt mit den höchsten Bodenpreisen.

Das Interview führte Christian Huther.