Cool, romantisch und zart: HR-Bigband im Gießener Stadttheater

Die HR-Bigband spielte ihr Programm zweimal, um mehr Zuhörern die Teilnahme im Stadttheater zu ermöglichen.  Foto: Friese

Die HR-Bigband überzeugte im Gießener Stadttheater mit ihrer Hommage an den Jazz-Trompeter und -Komponisten Miles Davis. Es gelang den Musikern, die originale Kraft zu...

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. GIESSEN. Mit "Blue in Green" erreichte dieser Abend seinen Höhepunkt - mit einem Bekenntnis zum ätherisch Verführerischen, zum Understatement und zur Reduktion. In Jim McNeelys kammermusikalischer Interpretation am Klavier im Duett mit Axel Schlossers gedämpfter Trompete, nur unterstützt von Rhythm-Section und Holzbläsern, fand der gleichzeitig romantische und coole Sound der Miles Davis-Ballade eine einzigartige neue Umsetzung. Als Zugabe schloss dieses Stück den Auftritt der HR-Bigband am Samstag im Gießener Stadttheater ab, der ganz jenem Trompeter und Komponisten gewidmet war, dessen Rolle innerhalb der Geschichte des Jazz kaum ohne Superlative zu beschreiben ist.

Wie schon bei den Gastauftritten in den vergangenen Jahren gestaltete die HR-Bigband ihr Programm als Hommage - Hommage im Sinne einer quicklebendigen, produktiven Aneignung, nicht im Sinne einer Museumsausstellung. Im Zentrum stand also Miles Davis, genauer dessen musikalisches Schaffen im Jahr 1960, als er mit einem Quintett aus erstklassigen Musikern, vor allem aber mit einem ganz neuen Konzept von Jazz auf Europatournee ging. Erstmals spielte er damals in Deutschland, nämlich in der Frankfurter Kongresshalle. Im Gepäck hatte er unter anderem die Songs seines Albums "Kind of Blue". 1959 erschienen, bedeutete diese LP einen Meilenstein in der Geschichte des Jazz. Das gilt für den Sound der Studioproduktion, das gilt aber vor allem für die seinerzeit noch neue Art von modalem Jazz, umgesetzt in zugleich romantischen und spartanischen, schier unendlichen Soli über erstaunlich einfachen Akkordfolgen: Gib mir 32 Takte D und Es und zeig', was du daraus auf deinem Instrument machst! Die Platte wurde zum erfolgreichsten Jazz-Album aller Zeiten.

Gleichberechtigte Soli

Wie kann man sich dieser einzigartigen Musik nähern, wie ihre originale Kraft erhalten und trotzdem etwas Neues daraus gestalten? Jim McNeely, Chefdirigent der Band seit 2011, lieferte die Arrangements. Gleich der Anfang mit "So What" zeigte, wie man die breite Farbpalette der Bigband mit ihren reichen Orchestrierungsmöglichkeiten mit den prägnanten Themen der Songs zusammenführen kann: Nicht ohne filmmusikalische Grandeur zelebrierte das Intro einen prächtigen Vorhang, aus dem dann mit Aplomb der berühmte Call und Response aus Bass und Klavier heraustrat - ein angemessener Auftritt für Hans Glawischnig, der dann natürlich auch ein großes Solo übernahm.

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Überhaupt: Es sind die Soli - in diesem Stück außerdem von den vom Publikum gefeierten Tony Lakatos (Tenorsaxophon) und Axel Schlosser (Trompete) - mindestens gleichberechtigt mit den Arrangements, aus denen das Neue, der ganz eigene Sound und die eigene Botschaft der Musik, entstand. Die nervösen, quirlig virtuosen und gleichzeitig äußerst kontrollierten Bravourstücke von Lakatos waren da nur eine von vielen Varianten. Ihnen schlossen sich die unterschiedlichsten Charaktere an. Da gab es etwa die beinahe traumtänzerische, charmante Flöte (Oliver Leicht) in "Fran Dance", da gab es erstaunlich geerdete Gitarrensounds (Martin Scales) in "All Blues", da gab es eine durchsichtig-weiche Posaune (Günter Bollmann) im Mash up des Schlussstücks, einer Verbindung von "On Green Dolphin Street" und "The Theme", wie Miles Davis selbst eine Melodie nannte, mit der er gerne seine Sets abschloss.

Es blieb ohnehin genug Miles Davis übrig, auch im neuen Gewande. Hierzu trug nicht zuletzt auch der sanfte und zugleich markante Klang der gedämpften Trompete bei, wie er für den berühmten Jazzer charakteristisch war. Für Spezialisten: Gemeint ist der metallene Harmon-Dämpfer. Meisterhaft - man kann es nicht anders nennen - führte Schlosser die samtige Intimität, die ungeheure, immer irgendwie besonnene und doch fast explosive Ausdruckskraft vor, die sich mit dieser Farbe verbinden kann. Dies nicht nur in dem schwerelosen, ins Unendliche strebenden Walzer von "All Blues" mit seiner meditativen Ostinatobegleitung, den die Musiker wie unter dem Radar interpretierten, sehr cool und sehr zart. Noch intensiver, noch kammermusikalischer in die Atmosphäre des Blues führte dann das Arrangement mit gleich vier gedämpften Trompeten in "Fran Dance".

Konzert nachhörbar

Natürlich führte McNeely zwischendurch auch immer wieder zurück in die Welt der klangvollen, satten Bläsersätze, der vollen Kraft dieses doch ziemlich einzigartigen Ensembles. Trotz der Kürze des Programms (dafür wurde es zweimal gespielt, um mehr Zuhörern die Teilnahme zu ermöglichen) ging man nicht hungrig nach Hause. Man darf aber schon sagen, dass ein zweites Set den Ohren auch noch gemundet hätte - zumal nach dem liebevollen, verspielt-verschmitzten "Blue in Green" der Zugabe. Zum Glück kann man das Konzert nachhören: Auf der Website des hr (https://www.hr-bigband.de) und bei Youtube gibt es die Frankfurter Performance vom Vortag zu sehen.

Von Karsten Mackensen