Albrecht Schöne – ein streitbarer Literatur-Ästhet wird 95

In seinen soeben erschienen „Erinnerungen“ blickt der bedeutende Germanist auf sein interessantes Leben zurück.

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. Die seltene Gelegenheit, einem Menschen zum 95. Geburtstag zu gratulieren, wird am 17. Juli beim hochgelehrten wie streitbaren Literatur-Ästheten Albrecht Schöne von vielen – darunter auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer – gern wahrgenommen. Spätestens seit der von ihm 1994 betreuten Edition von Goethes „Faust“ in der Bibliothek Deutscher Klassiker des Suhrkamp Verlags steht Schöne zusammen mit wenigen anderen fest auf dem Sockel der bedeutendsten Germanisten. Mutig hat er den von Goethe wegen etlicher, besonders sexuell anzüglicher, mit deftigen Formulierungen gespickter Szenen vor der Öffentlichkeit seiner Zeit verschnürten „Walpurgissack“ als „Kernstück der Walpurgisnacht“ an passender Stelle eingebaut. Hatte Goethe für diesen Fall von den Deutschen noch vermutet: „Das … vergeben Sie mir sobald nicht!“, werden diese Verse von heutigen, der Prüderie entwachsenen Lesern mit Wonne zur Kenntnis genommen. In seinem grandiosen, an Gültigkeit kaum zu übertreffenden Kommentar geht Schöne auch darauf ein. Er führt die faszinierten Leser durch beide Teile des wohl wichtigsten und inhaltsreichsten Werks der deutschen Literatur und erschließt ihnen bei der Suche danach, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, alle Dimensionen von Goethes Welt- und Menschen-Drama.

Schönes soeben erschienenen „Erinnerungen“ entnimmt man, dass er den Rückblick auf das eigene Leben genauso interessant gestalten kann wie seine akademischen Schriften. Dabei lässt er seine – für junge Männer seiner Generation leider unvermeidlichen – Stationen als Mitglied im Jungvolk der Nazis, als Soldat und Kriegsgefangener genauso wenig aus wie das intensive Familienleben, das Vorbild, das er im Vater hat. Seine Zeit als Holzfäller nutzt der Einundzwanzigjährige zu umfassender Rückschau, aus der Schritte zur Selbstfindung, zur Lösung aus den Prägungen der Nazi-Indoktrination und der Gräuel des Krieges erwachsen. Auch wenn man dem Autor nicht bei jeder Wertung und Deutung der Nazi-Zeit (wie auch späterer Ereignisse) folgt, wird deutlich, wie prägend die Erfahrung war, die Welt, das Leben, die menschlichen Werte schon früh als unsicher, gefährlich und hoch gefährdet erlebt zu haben. Überlegungen dazu führen Albrecht Schöne zu der Ausdrucksform, die für den Menschen die charakteristischste ist: Zur Sprache und ihrer Gestaltung im Gespräch, im Dialog – im Leben wie in der Kunst, also der Literatur.

Seine beeindruckende Karriere als Wissenschaftler – der längst nicht nur in der Germanistenzunft mit vielen Ehrungen und Preisen anerkannt ist – schildert Schöne genauso stringent, wie er auf sein öffentliches und privates Leben zurückblickt. Immer wieder kommen Konflikte zur Sprache – wie den, den er mit der Anti-Literatur-Fraktion unter den „68ern“ aktiv ausgefochten hat. Je weiter man bei der Lektüre voranschreitet, umso deutlicher wird den Lesern, dass hier ein Autor schreibt, der im Kern mit sich und der Welt um ihn herum im Reinen ist. Das geht sogar so weit, dass Schöne sein mit großem Bewusstsein gelebtes Leben bis hin zu dessen, also zum eigenen Ende in den Blick nimmt: Auch hierin folgt er dem väterlichen Vorbild. Schöne offenbart sich dabei als eine seiner selbst bewusste Person, als Mensch, der das eigene Ende als etwas akzeptiert, was zum großen wie zum kleinen Ganzen des Lebens, zum Zusammenhalt allen Seins gehört. Seine selbstbewusste Gelassenheit resultiert wohl aus der Einschätzung, das ihm in einem offensichtlich geglückten Leben Mögliche geleistet zu haben.

Aus diesen Erinnerungen, der Auseinandersetzung mit Schönes Gedanken und Positionen werden viele Leser Anregung, Erkenntnis und Gewinn ziehen – vielleicht sogar für ihr eigenes Dasein. Von Albrecht Schönes Kommentar werden darüber hinaus alle „Faust“-Leser, darunter viele Gymnasiasten und Germanistik-Studenten, profitieren – und die Erkenntnis gewinnen, wie erhaben Goethes Text über dem Verdacht steht, nur bildungs-bürgerliche Last, lästige Pflicht zu sein. Auch dazu darf man Albrecht Schöne gratulieren.