"Zunächst bin ich Zuschauer"

aus Tatort & Polizeiruf 110

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Gunther Witte, Erfinder des „Tatorts“, hält ein Foto mit einer Szene der ersten Folge hoch.  Foto: Angelika Warmuth / dpa

Am Anfang war Gunther Witte, Dramaturg und Redakteur beim WDR. 1969 bekam er den Auftrag, eine Krimiserie zu erfinden. Wie das damals in Köln vor sich ging, erzählt der...

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. Von Christoph Driessen

Am Anfang war Gunther Witte, Dramaturg und Redakteur beim WDR. 1969 bekam er den Auftrag, eine Krimiserie zu erfinden. Wie das damals in Köln vor sich ging, erzählt der 81-jährige Berliner im Interview.

Herr Witte, Geburtsort des "Tatorts" war der Decksteiner Weiher in Köln, nicht wahr?

Gunther Witte: Nein, nicht der Decksteiner Weiher, der Stadtwald! Es begann damit, dass mein Chef Günter Rohrbach meinen Kollegen Peter Märthesheimer und mich zu einem Spaziergang in den Stadtwald einlud. Was uns verblüfft und irritiert hat.

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Sie ahnten, da ist was im Busch?

Witte: Ja, und so war es dann auch. Damals war das ZDF ja noch ganz frisch und hat auf dem Gebiet der Unterhaltung unheimlich viel gemacht. Da mussten wir was dagegenhalten, und das war der Anlass für den Spaziergang. Märthesheimer bekam den Auftrag, eine Familienserie zu entwickeln, und ich bekam den Auftrag, eine Krimiserie zu entwickeln. Was mich etwas verblüffte.

Sie waren kein Krimiexperte?

Witte: Nein. Aber ich war schon immer ehrgeizig. Und habe dann nachgedacht, wo im Leben ich Begegnungen mit Krimis in den Medien hatte. So viel gab's damals ja noch nicht. Aber ich erinnerte mich, dass ich als Oberschüler in Ostberlin unheimlich viel Rias gehört habe. Und da gab es eine Serie "Es geschah in Berlin". Die folgte echten Fällen, war aber auch speziell ausgelegt auf den Ort Berlin. Und da begann es bei mir ein bisschen zu rasseln.

Die Geburt des "Tatort"-Regionalprinzips..?

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Witte: Ja, der nächste Schritt war dann, dass ich mich gefragt habe, wie kann ich es sinnvoll übertragen, ohne etwas nachzuäffen? Und da kam mir dann die Idee zu sagen: Ich will da alle ARD-Sender drin haben. Das hatte die Vielfalt zur Folge – und, ganz wichtig, die Möglichkeit, die einzelnen Sender das machen zu lassen, was sie wollten. Weil man sie sonst garantiert nicht – und dann auch noch vom WDR initiiert – unter einen Hut bekommen hätte.

"Geschichten müssen 
glaubhaft sein"

Die anderen beiden Eckpfeiler neben dem Regionalprinzip waren, dass immer die Figur des Kommissars im Mittelpunkt steht und jede Folge ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema behandeln soll. Stimmt es, dass der Bayerische Rundfunk das zunächst nicht wollte?

Witte: Dem hatte ich vorgebaut. Ich hatte mir lange überlegt, wie ich das formuliere, um den BR nicht vor den Kopf zu stoß;en. Und dann habe ich die Formulierung gefunden: "Die Geschichten müssen in unserer Gesellschaft glaubhaft und möglich sein."

Im Rückblick spiegeln die "Tatorte" die Geschichte der Bundesrepublik.

Witte: Ja, der Dietmar Bär soll gesagt haben: Wenn mal einer aus dem All käme und sich ein Bild über die Vergangenheit verschaffen wollte, bräuchte man dem nur alle "Tatorte" zu zeigen, dann wüsste er, was los war.

Wenn man sich heute zum Beispiel die alten Schimanski-Folgen ansieht: Diese Industriekulissen gibt es überhaupt nicht mehr, die sind weg.

Witte: Ja, und zwar ohne dass man's groß; bemerkt hat. Schimanski (kleines Foto) hat ja viel mit dem Klima im Land zu tun, mit '68.

Schimanski war Ihr Lieblingskommissar, nicht wahr?

Witte: Ja, ist er immer noch. Aber man muss ehrlicherweise auch sagen: Er war nicht der quotenmäß;ig erfolgreichste. Er hat ja sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen.

Interessant ist, wie sich die Städte heute darum reiß;en, einen "Tatort"-Kommissar zu bekommen, während es in den 80ern immer hieß;: Schimanski bringt Duisburg und das Ruhrgebiet in Verruf.

Witte: Ja, wobei es da einen Oberbürgermeister in Duisburg gab, der von Anfang an auf der Seite von uns, von Schimanski stand. Ohne dessen Hilfe wäre das sehr schwer geworden.

So ganz groß; ist der "Tatort" ja erst in den letzten Jahren geworden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Witte: Nein, ich habe auch keine. Das einzig Konkrete, was es dazu gibt: Es hat so richtig angefangen mit den beiden Münsteranern.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie heute "Tatort"? Es ist Ihr Kind, aber es ist jetzt in den Händen von anderen.

Witte: Zunächst einmal bin ich ein Fernsehzuschauer, der sehr, sehr gern "Tatort" guckt.

Und dass ich das erfunden habe, darüber freue ich mich einfach. (dpa)

Zur Person

"Tatort"-Erfinder Gunther Witte (81) wuchs in Berlin auf. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften und einem Engagement in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) wechselte er 1961 in den Westen und wurde Dramaturg beim WDR, später auch Fernsehspielchef. Heute lebt der Grimme-Preisträger wieder in Berlin.