Rasant, konsequent und stilsicher durch Schuld und Sühne

aus Tatort & Polizeiruf 110

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Gemeinsam stark: König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner). Foto: NDR/Christine Schroeder

LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ist am Tiefpunkt angekommen. Sie schläft schlecht, sie hat Tinnitus, sie halluziniert, sie hat Ausschlag. Ihre Kollegen, allen...

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. Es könnte im neuen Rostocker "Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen" nicht viel schlimmer kommen für die sonst so unerschütterlich wirkende Polizistin. Aber doch, es kann. Und wie.

Wichtig ist hier erst einmal der Blick zurück: Im Fall "Für Janina" manipulierte König Beweise, um Guido Wachs (Peter Trabner) hinter Gitter zu bringen. Wachs hatte vor Jahrzehnten eine Frau umgebracht, wurde dafür aber freigesprochen. Obwohl die Rostocker Kommissare Wachs den Mord nun nachweisen konnten, darf in Deutschland niemand für die gleiche Tat zweimal angeklagt werden. Schon damals verlor König ihre Contenance. Denn Gesetzestreue und ein übermäßig stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn passen eben nicht immer zusammen.

Also schob König dem Mann kurzerhand einen anderen Mord unter. Natürlich nicht, ohne den Kollegen Bukow als Mitwisser ins Boot zu holen – eine verdammt schlechte Idee; litt doch das berufliche und private Verhältnis der beiden danach extrem unter der Beweismanipulation. Erst zuletzt, in "Dunkler Zwilling" und "Söhne Rostocks", kamen beide wieder besser miteinander klar. Das aber auch nur deshalb, weil es Bukow gelang, einen kleinen Schritt aus dem Schatten seiner Wut zu treten. Kollegin König litt unter ihrer Entscheidung, Bukow stand ihr zur Seite. Der Straßenköter, immer auf der Rasierklinge des Gesetzes reitend, verstand Königs Dilemma.

Nun wieder der Blick in die Gegenwart, denn in "Der Tag wird kommen" wird die Geschichte um Wachs, König, gefälschte Beweise und Bukow nun sowas von straff zu Ende erzählt, dass einem zwischendurch vor Spannung die Haare vom Kopf fliegen. Denn Wachs weiß, dass er gelinkt wurde – und schreibt nun an Kommissarin König in widerwärtig manipulativer Natur Briefe, alle endend mit der Bitte, dass sie ihn bitte im Gefängnis besuchen möge. Während König darüber und über ihr schlechtes Gewissen nahezu ihren Verstand verliert, versucht Bukow, die Kollegin einzufangen. Es geht um Schuld und Sühne. Es geht darum, wie eine Beamtin Beweise manipulieren und damit davonkommen kann. Es geht darum, zu verstehen, dass dies jedoch dennoch nur Fiktion und nicht die Realität im deutschen Polizeialltag ist.

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So wird der eine oder andere bemängeln können, dass König natürlich nicht aus dem Dienst ausscheiden wird, und nein, das ist kein Spoiler, denn natürlich wird sie das nicht. Es ist Film, es ist Show – und die muss weitergehen.

Wie immer in Rostock verquicken sich diese Handlung und das Thema, das über allem schwebt ("Schuld und Sühne") mit dem ebenfalls aufzuklärenden Mord: Nadja Flemming (Xenia Rahn) wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist die Frau, die Katrin König zuvor am Hafen vor den beiden aufdringlichen Männern gerettet hatte. Sie stirbt wenig später an ihren Stichverletzungen. König und Flemming hatten am Hafen für ein paar Sekunden eine Art stille Übereinkunft, ein Verständnis durch einen langen Blickkontakt hergestellt, was in König nun den Wunsch auslöst, Flemmings Mörder unbedingt zu finden. Und dann ist da auch noch Veit Bukow (Klaus Manchen), der seinem Sohn mit einem letzten großen Deal das Erbe sichern will. Und Anton Pöschel (Andreas Guenther), der eine Karriere-Chance wittert und auf dem Absprung ist, raus aus den viel zu großen Bukow'schen Fußstapfen.

Und ja, alles hängt irgendwie zusammen.

"Der Tag wird kommen" ist rasant, spannend, ungreifbar, unhaltbar, unnahbar. Es ist einer der besten Rostocker "Polizeirufe", weil er keine Sekunde von seiner immensen Dichte abweicht, weil die Handlung konsequent, stilsicher, durchdringend, schlüssig und stets im Überholtempo vorwärts treibend erzählt wird. Autor Florian Oeller legt einen Stoff vor, den es so vielleicht nur selten im deutschen Krimi zu verfilmen gibt. Und Regisseur und Schöpfer Eoin Moore inszeniert das Buch und vor allem Anneke Kim Sarnau als niedergeschlagene, durchdrehende und verzweifelnde Katrin König mit so viel Leidenschaft und Herz, dass keine Wünsche offen bleiben. Man ist nicht nur bei König, wenn sie wieder und wieder zusammenbricht, sondern man wird sie – immer nur für Sekundenbruchteile, aber intensiv und extrem.

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Sarnau rollt in ihrer Paraderolle Katrin König das Feld von hinten, von vorne und von der Seite auf und hat für ihre Darstellung in "Der Tag wird kommen" zurecht den Preis als beste Schauspielerin beim Wiesbadener Fernsehkrimi-Festival gewonnen. Ihre Art, Königs sich verstärkende Paranoia und Kraftlosigkeit einfach so als volles Pfund mitten in den Raum zu stellen, ist unvergleichlich.

Oeller hat es mit seinem Buch geschafft, eine Handlung, die sich langsam, aber stetig seit zwei Jahren entwickelt hat, zu Ende zu bringen. Der Film stellt eine Zäsur dar: nicht nur im Fall Guido Wachs, sondern auch für die Kommissare Bukow und König. Es geht auf zu neuen Ufern. Wenn an diesen ähnlich starke, glaubwürdige Filme wie "Der Tag wird kommen" zu finden sind, muss niemandem um das Rostocker Team bange sein. Dann geht es so stark weiter, wie es anfing und sich in zehn Jahren entwickelte.

Motiv, Ursache und Tathergang im Fall Flemming darf man indes schon etwas weit hergeholt finden. Sollte sich jemals eine Situation irgendwo auf der Welt so zugetragen haben, dürfte das selten bis nie sein. Es ist eine interessante Idee, die Oeller hier ausbreitet, so richtig nachvollziehbar ist sie leider nicht – und dennoch tut die etwas schmale Erklärung der restlichen, so umfangreichen Handlung keinen Abbruch.

Denn da gibt es noch das Ende, das Danach. Als alles schweigt und bereinigt ist, als Schuld und Sühne geklärt sind und König ihren Verstand so langsam wieder greifen kann. In diesem Danach gibt es immer noch Bukow und König. Gemeinsam. Schalten Sie ein! (Kirsten Ohlwein)

Das Erste zeigt den "Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen" am Sonntag, 14. Juni, um 20.15 Uhr.