Dieses Ende muss ein Anfang sein

aus Tatort & Polizeiruf 110

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Ernüchtert: König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner). Foto: NDR/Christine Schroeder

Zugegeben: Die Geschichte ist ein bisschen zu einfach. Verquicken sich Angehörige der Kommissare mit dem aktuellen Fall, liegt Langeweile in der Krimi-Luft. Auch für den neuen...

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. In Rostock wird der Leiter eines privaten Kinderheimträgers erschossen aufgefunden. Wer der Täter ist, weiß der Zuschauer von Anfang an. Es ist Keno (Junis Marlon), dicke befreundet mit Samuel (Jack Owen Berglund), Sohn von Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner). Die beiden hauen ab nach dem Mord, der irgendwie fast als Unglück durchgehen kann, wenn man Kenos Gesichtszügen trauen darf. Sie wollen nach Polen, um dort Kenos "Bruder" Otto (Niklas Post) aus seiner Pflegefamilie zu "retten".

Für Bukow und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) geht es darum, herauszufinden, wer und wo der Täter ist. Für die Zuschauer geht es darum, Bukow und König auf ihrer Verfolgungsjagd durch Rostock, durch Mecklenburg-Vorpommern, durch Polen zu folgen. Und das ist die Geschichte hinter der Geschichte. Denn Bukows und Königs berufliche und private Beziehung, die schon seit vielen Folgen stringent horizontal erzählt wird, scheint unwiederbringlich kaputt zu sein.

Kurzer Rückblick: Nachdem König vor vielen Episoden beinahe vergewaltigt worden war und den Täter nach seiner Sicherung aber weiter verletzte, log Bukow in seinem Bericht für sie, während König die Wahrheit erzählte. Das brach nicht nur das Vertrauen zwischen den beiden, die sich zuvor ein wenig angenähert hatten. Nein, es nährte die bislang unaufgelöste Spannung und verkehrte sie ins Gegenteil. Beide bekamen Geldstrafen aufgebrummt, schrien sich an, prügelten sich auf einem Schrottplatz. Zuletzt schob König einem Verdächtigen falsche Beweismittel unter. Bukow deckte seine Kollegin erneut, nahm für sich dann aber in Anspruch, der Hehlerei von Plagiaten nachzugehen, um sein leeres Konto zu füllen – obwohl König davon wusste. Er hatte sie in der Hand.

Nun also "Kindeswohl". Nachdem sie gestritten, geschrien, geprügelt haben, ist die Kommunikation in Rostock nun gänzlich eingestellt. Bukow und König reden nicht mehr miteinander, aber sie arbeiten noch miteinander. König soll Bukow eigentlich aus ihren Ermittlungen halten, da sein Sohn involviert ist, sie nimmt ihn aber dennoch mit. Diesen beiden 90 Minuten lang zu folgen, sorgt für nervenzerreißende Spannung. Es geht um Samuel, es geht um Pflegekinder, es geht um Missstände bei der Betreuung Jugendlicher, es geht um das ganze System der Pflegefamilien, es geht aber immer auch um Bukow und König.

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Ihren ersten echten Dialog haben sie nach knapp 80 Minuten auf engstem Raum – in einem Polizeiwagen, im polnischen Winter. Der Austausch ist so intensiv, dass König sich danach erbrechen muss. Sarnau und Hübner holen in diesen wenigen Minuten alles aus ihren Figuren heraus. Und allein diese Szene würde reichen, die beiden Schauspieler mit entsprechenden Preisen zu würdigen und den Film mit Höchstnoten zu bewerten.

Das gilt auch für Jungschauspieler Junis Marlon. Er schafft es, Keno erschreckend intensiv darzustellen. Sein Gesicht erzählt seine Geschichte, und jede Regung, jedes Zwinkern scheint wahr zu sein. Zwischen den intensiven Figuren findet sich das durchaus tragische Thema: Im Jugendamt herrscht Überlastung, die Mitarbeiter schaffen ihre Arbeit nicht. Kinder werden über die Ländergrenze hinaus an polnische Pflegefamilien vermittelt, die dafür ordentlich bezahlt werden. Mit Erzieherin Valli (Christina Große) hat Keno nur eine einzige Vertraute. Er misstraut den Erwachsenen, hat seine Entscheidung gegen ein normales Leben längst getroffen. Keno ist offenbar nicht mehr zu retten.

Das ist die Botschaft des Films, der einen deshalb betroffen, ratlos und traurig zurücklässt. Das alles in einer grauen, schneebedeckten Landschaft. Tristesse pur, bei Keno und Samuel sowie bei Bukow und König, die nun so langsam gerne wieder aus dem tiefen Tal ihrer Verwerfungen auftauchen dürfen. "Wir haben sie noch nicht. Wir sind noch nicht am Ende", sagt Bukow in der berüchtigten Autoszene zu König. "Doch, wir sind schon am Ende, Sie haben es nur noch nicht gemerkt", antwortet König. Dieses Ende muss ein Anfang sein. Es ist nicht der herausragendste, überzeugendste Fall, den Rostock je zu bieten hatte, aber einer der wichtigsten und bewegendsten. (Kirsten Ohlwein)

Das Erste zeigt den "Polizeiruf 110: Kindeswohl" am Sonntag, 7. April, um 20.15 Uhr.