„Das macht die Hölle im Kopf aus“

aus Tatort & Polizeiruf 110

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In der Pause war Joe Bausch umlagert von Fans, die das Buch signieren lassen wollten.   Foto: Kaminsky

Zwei faszinierende Stunden lang entführte Gefängnisarzt Joe Bausch – auch bekannt als der Pathologe im Kölner Tatort – im Rosenhang-Museum seine Zuhörer...

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. Von Kerstin Kaminsky

Zwei faszinierende Stunden lang entführte Gefängnisarzt Joe Bausch – auch bekannt als der Pathologe im Kölner Tatort – im Rosenhang-Museum seine Zuhörer in die Lebenswirklichkeit eines Hochsicherheitsgefängnisses mit tausend Insassen.

Seit über 30 Jahren arbeitet Joe Bausch hauptberuflich in der Knastmedizin. Vieles habe sich geändert, erzählt er. Nicht nur, dass aus dem düsteren Lazarett ein modernes Gesundheitszentrum wurde, auch die Klientel sei anders geworden. "Wir behandeln heute Männer aus 52 Nationen, von denen über die Hälfte drogenabhängig war. Mehr als acht Prozent der Insassen sind Psychopathen und zu so wenig Mitgefühl fähig, dass es mich friert", schildert der Arzt.

Warum Joe Bausch trotzdem gern im Knast arbeitet? "Mir macht es Spaß;, mich mit den Leuten und ihren Lebensbrüchen zu beschäftigen, selbst wenn diese Realität einem alles abverlangt." Eine der größ;ten Herausforderungen für ihn sei, trotzdem die Fähigkeit zur Empathie nicht zu verlieren.

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In seinem Buch "Knast" erzählt Joe Bausch unter anderem von seinem ersten Arbeitstag im Gefängnis: Da sei ein Typ mit Perücke, Minirock und Netzstrümpfen ins Lazarett gestöckelt und habe die sofortige Verlegung in ein Frauengefängnis verlangt. "Mein fester Griff an seine empfindlichste Stelle hat die Situation aber schnell geklärt", erinnert sich Bausch schmunzelnd. Schlag auf Schlag seien weitere Härtefälle ins Lazarett gekommen, um den neuen Doktor auf die Probe zu stellen.

Schließ;lich hätte es aber länger als ein Jahr gedauert, ehe er von den Gefangenen voll akzeptiert worden ist.

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl sitzen die "ganz Schlimmen" ein, auch aus der organisierten Kriminalität. Etliche von ihnen würden von den Beamten nur gefesselt zur Untersuchung gebracht. Falls diese Straftäter in eine Klinik verlegt werden müssen, würden sie sogar vom SEK im Rettungswagen begleitet. "Wir müssen immer im Hinterkopf halten, was der Umgang mit Schwerstverbrechern für uns bedeuten kann", so Bausch.

Im Durchschnitt sitzen die Gefangenen 26 Jahre in der JVA Werl ein, es gäbe aber welche, die schon 50 Jahre lang hinter diesen Mauern leben. "Das Schlimmste für die Insassen sind nicht Stacheldraht oder Wachtürme", erklärte der Arzt. "Doch das Wissen, immer und überall von Verbrechern umgeben zu sein, das macht die Hölle im Kopf aus." Deshalb würde es auch immer wieder zu Suiziden kommen.

Die meiste Zeit sprach Joe Bausch frei, nur ab und zu griff er zu seinem Buch, um kurze Passagen vorzulesen.

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Er erzählte von Patienten aus schwierigen Ländern, die ihr Leben lang noch nie ärztlich behandelt wurden. Er beschrieb eine Knast-Hierarchie, in der ein Bankräuber höchstes Ansehen genieß;t und ein Zuhälter beneidet wird.

"Denn wer das Spiel mit der Gier der Menschen beherrscht, der bescheiß;t auch im Knast"

Für ihre Cleverness würden Betrüger zwar geachtet, doch müsse man sich vor ihnen in Acht nehmen: "Denn wer das Spiel mit der Gier der Menschen beherrscht, der bescheiß;t auch im Knast."

Ein Kapitel des Buches hat Bausch den Frauen gewidmet. "Kurze Zeit war ich auf einer Frauenstation", erzählt er und verdreht die Augen. "Nirgendwo anders bin ich derart verarscht worden!" Wichtiger als die weiblichen Strafgefangenen seien ihm jedoch die Ehefrauen der Gefangenen. Seit fast 20 Jahren wohnt der JVA-Arzt unmittelbar an der Gefängnismauer. Er hat Mütter mit Babyschale kommen sehen, die inzwischen von einem Teenager in den Besuchsraum begleitet werden. "Der emotionalen Spagat zwischen der Wirklichkeit und der Legende über den Verbleib des Vaters ist gerade für die Jugendlichen unheimlich schwer hinzukriegen", weiß; er.

Bevor sich der durchweg sympathisch auftretende Bausch vom Publikum verabschiedete, konnte er sich eine Warnung nicht verkneifen. "Wenn wir alle nicht wieder mehr hinschauen, was um uns herum passiert und unserem Bauchgefühl trauen, sobald jemand den gesellschaftlichen Halt verliert, solange werden wir immer mehr Gefängnisse brauchen."

Viele Besucher nutzen die Gelegenheit, Bauschs Buch zu kaufen und signieren zu lassen. So auch Sigrun Keiner aus Weilburg. "Ich bin total fasziniert von diesem Menschen und dem Einblick in sein auß;ergewöhnliches Berufsleben. Davon will ich einfach mehr erfahren", erklärt sie.