Stolpersteine in Leeheim und Crumstadt verlegt

Zum ersten Mal verlegt Künstler Gunter Demnig Stolpersteine in Leeheim. In der Kirchstraße 13 erinnert der Künstler an das Schicksal der Familie Moses. Foto: Vollformat/Robert Heiler  Foto: Vollformat/Robert Heiler

Als sich am Freitagnachmittag eine große Menschenmenge mit Regenschirmen vor dem Haus auf der Kirchstraße 13 zur ersten Stolpersteinverlegung in Leeheim einfindet, gibt es...

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LEEHEIM/CRUMSTADT. Als sich am Freitagnachmittag eine große Menschenmenge mit Regenschirmen vor dem Haus auf der Kirchstraße 13 zur ersten Stolpersteinverlegung in Leeheim einfindet, gibt es immerhin längere Pausen in dem steten Nieselregen dieses grauverhangenen Herbsttages. Das war in der ersten Tageshälfte noch anders, doch das ist nicht der Grund, warum Walter Ullrich die vormittägliche Verlegung in Crumstadt in ganz besonderer Erinnerung haen wird.

Wiedersehen mit dem Geburtshaus des Vaters

Den Menschen auf der Kirchstraße erzählt der Vorsitzende des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, dass um die 20 Familienangehörige der jüdischen Familie Mayerfeld zu diesem Anlass aus England nach Crumstadt gekommen waren, darunter auch viele Kinder. Und wie Moshe Mayerfeld mit tränenerstickter Stimme in einer kleinen Ansprache gesagt habe, wie viel es ihm bedeute, vor dem Haus zu stehen, in dem seine Großeltern gelebt hätten und sein Vater geboren sei. Ein sehr eindrücklicher Moment, erklärte Ullrich und bekannte: „Wir machen das jetzt schon so viele Jahre und doch bewegt es mich immer wieder aufs Neue.“ In der Walter-Rathenau-Straße 23 hatten Moshes Urgroßeltern Ferdinand und Katharina Mayerfeld eine Mehl- und Getreidehandlung betrieben. Ihr jüngster Sohn Sali heiratete 1932 Helene Heidingsfeld aus Frankfurt. In Crumstadt wurden 1933 und 1935 ihre Söhne Martin und Bernhard geboren, bevor die junge Familie 1938 vor dem Naziterror in die USA auswanderte. Erst 1940 folgten auch Katharina und Ferdinand. Salis Enkel Eli und Moshe sind heute Rabbis in Detroit und London.

Nach der Verlegung der sechs Stolpersteine für die Familie Mayerfeld in Crumstadt folgte am Nachmittag die erste Gedenkveranstaltung dieser Art für die Opfer des Nationalsozialismus in Leeheim. Vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Familie Moses auf der Kirchstraße 13 setzte der Kölner Künstler Gunter Demnig unter musikalischer Begleitung der Riedstädter Musikwerkstatt vier Betonquader mit den Namen von Samuel und Hedwig Moses sowie ihrer Kinder Hertha und Erich in den Bürgersteig ein. „Mit diesen Gedenksteinen geben wir den Opfern ein Stück Identität zurück und erinnern an die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Schulfreunden und Nachbarn aus dem Ort geschehen ist“, erklärte Bürgermeister Marcus Kretschmann (CDU).

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Mit Blick auf die vielen Menschen auf der Kirchstraße zeigte er sich froh über die große Beteiligung und Unterstützung aus der Bevölkerung. Schüler der Martin-Niemöller-Schule erinnerten in Kurzbiografien an das Schicksal von Samuel und Hedwig Moses, die ein kleines Kolonialwarengeschäft und einen Viehhandel betrieben hatten, bevor sie ihr seit 100 Jahren im jüdischen Besitz befindliches Haus verkaufen und 1937 mit ihren Kindern nach New York fliehen mussten.

Die letzten vier Gedenksteine an diesem Tag wurden vor dem Haus auf der Hauptstraße 50 in Erinnerung an Sally Löwenthal, seine Frau Berta und ihre Kinder Kurt und Edith gesetzt. Sally Löwenthal war seit dem Ersten Weltkrieg „schwerbeschädigt“ und starb 1935 mit 40 Jahren. Nach seinem Tod flüchtete seine Frau mit den Kindern zu ihrem Bruder Max nach New York, wo Berta nur wenige Monate nach der Ankunft starb. In dem Haus auf der Hauptstraße hatten die Löwenthals einen Laden betrieben, später diente es der NSDAP als Gemeindeverwaltung. Im Krieg wurde es schwer beschädigt und brannte aus.

Von Anke Mosch