Prosa-Miniaturen im Skulpturenpark

„Am liebsten würde ich jetzt alles von der Rolle lesen“, sagte Marina D‘Oro bei der Begrüßung der zwölf Zuhörer, die zur Lesung der Darmstädter Literaturgruppe...

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MÖRFELDEN-WALLDORF. „Am liebsten würde ich jetzt alles von der Rolle lesen“, sagte Marina D‘Oro bei der Begrüßung der zwölf Zuhörer, die zur Lesung der Darmstädter Literaturgruppe „Poseidon“ in den Mörfelder Skulpturenpark gekommen waren. Denn der 26. August – der Tag der Lesung – sei der Internationale Tag des Toilettenpapiers. Also holte D’Oro eine beschriebene Klopapierrolle aus ihrer Tasche und verlas ihre Einleitung.

Am selben Tag feierten außerdem die Frauen in den USA die Einführung des Frauenwahlrechts 1920. Daran habe bisher jeder gewählte US-Präsident erinnert.

In Sachen Frauenquote stand es bei der Lesung am Samstagabend 2:1 für die Damen. Neben Barbara Höhfeld und Gerty Mohr brachte noch Jan Maria Greven seine Texte zu Gehör. Gerd Köllner am E-Piano untermalte die Lesung mit stimmungsvollen Jazzstandards.

Mohr, die ihre Werke als „Zier- und Gebrauchsgedichte“ bezeichnete, hatte kurze und prägnante Prosa-Miniaturen zu einigen der im Skulpturenpark ausgestellten Kunstwerke verfasst. Angetan hatte es ihr unter anderem die Tropfstein-Skulptur von Jules Andrieu, in der sie den Homo sapiens als „Stalagmit aus Schweiß, Tränen und Urin“ oder als Salzsäule wiedererkennt. „Wir schwärmen aus, das Fürchten zu lernen“, dichtete Mohr in Bezug auf Waldemar Schecks dynamisches Stahl-Werk „Schwarm“. Später dann auch, um das Fürchten zu lehren: „Apokalypse now“ als letzte Konsequenz? Felix Rombachs imposantes Portal aus Stahlfundstücken – also Abfallprodukten – ist für Mohr ein „Triumphbogen der Wohlstandsgesellschaft“.

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Barbara Höhfeld erzählte von der über 300 Jahre alten Französisch-Reformierten Kirche in Offenbach, dem „Kirchlein im Betonwald der Innenstadt“. In eindringlichen Worten beschrieb sie die von Hugenotten erbaute schlichte Kirche, in der kein Prunk und auch kein Kreuz zu finden sei. „Nur das Wort zählt“.

Das Kirchlein im Betonwald

Ein Denkmal wollte Jan Maria Greven mit seiner Figur Cyrill setzen: ein Opa, den er gerne gehabt hätte, und der er gerne wäre, so Greven. Ein Opa, der sich über die Sprachverhunzung in Tageszeitungen erregt und seine Enkel klangvolle Worte wie Oxymoron malen lässt, damit sie ihre Fantasie benutzen. Grevens vorgetragene Miniaturen bestachen durch ihre herrliche Sprache, in der er den philosophierenden Opa Cyrill lebendig werden ließ.

Von Nadine Scherer