Kugelköpfe und großes Kino: Die Pet Shop Boys zelebrieren in...

Alles so schön bunt hier: In der „Halle 45“ geben sich Neil Tennant (li.) und Chris Lowe bei der Multimedia-Show der Pet Shop Boys die Kugel. Foto: hbz/Kristina Schäfer  Foto: hbz/Kristina Schäfer

Die Briten mögen den Brexit-Blues haben. Pop-Exportweltmeister bleiben sie trotzdem. Beispielsweise die Gentlemen Neil Tennant und Chris Lowe, ein Premium-Produkt, das als...

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MAINZ. Die Briten mögen den Brexit-Blues haben. Pop-Exportweltmeister bleiben sie trotzdem. Beispielsweise die Gentlemen Neil Tennant und Chris Lowe, ein Premium-Produkt, das als duales System über all die Jahre seiner Markenreife immer bunter, knalliger und schubstärker wird.

Die „Halle 45“ ist schon ordentlich temperiert, als ein Bühnenbeben anhebt, die Pet Shop Boys ihre erratisch-stylishe Überwältigungsmaschinerie anwerfen. Kaum ist Tennant auf der Bühne, die Hände an die Hosennaht klopfend, um das Publikum auf die Bruderschaft der „Pop Kids“ einzuschwören, spiegelt er sich in einem Schwarm von Smartphone-Displays. Auch mit Heranzoomen wird nicht ganz klar, was er auf dem Texter-Haupt trägt. Könnte ein versilberter Lorbeerblatt-Haufen sein, während der Kopf seines stoisch hinter einem Keyboard verschanzten Kompagnons in einer Art überdimensionaler Christbaumkugel steckt. Aber V-Effekte gehören zur hohen Stil-Schule der Elektropop-Heroen dazu, die seit dreißig Jahren auf den schmalen Dancefloor-Grad zwischen Scherz, Ironie und tiefer Bedeutung traumwandlerisch balancieren. „We’re gonna burn this Disco down“, singt Tennant, 63, mittlerweile von seiner Laubhaube befreit. Hinter ihm auf der Riesenleinwand – dem zweiten, optischen Deutungshorizont – rotieren Kreise, pulsieren Pupillen, grinsen Smilies, tanzen Dollar-Zeichen, explodieren Stroboskop-Kugeln. Zwei Schlagwerker und eine Geigerin gesellen sich dazu. Die Beats knallen in die Magengrube. „Live is a bourgeoise construct“, zersägt Tennant samtweich den kalkulierten Kitsch. „New York City Boy“ blendet in die Moves eines Hip-Hop-Tänzers über, das fröhliche „Se a vida e“ wird von der Perkussions-Abteilung fast niedergeprügelt. Dazu ziehen Sonne, Mond und Sterne ihre Neonbahnen, regnet es Konfetti. Längst streiten Auge und Ohr um die Wahrnehmungshoheit. Pet Shop Boys-Shows sind wie großes Pop-Art-Kino, wobei die „Visual effects“ der Tonspur leicht den Rang ablaufen. Manchmal schwappt Tennants Stimme ins Obergeschoss, so als hätte er an einem Tässchen Helium genippt, um zu „Love etc.“ wieder dunkel drängend abzutropfen. Nach der Kreis-Geometrie schaltet das Kunst-Kino auf Metamorphosen um, mutiert des Sängers Antlitz per Videomagie ins Florale, sickern Ameisenarmeen in Menschenkörper. Schon immer haben die Pet Shop Boys ernste Botschaften in ihren süffigen Sythiepop gepackt. Wenn Tennat „The Dictator Decides“ vom aktuellen „Super“-Album aufmarschieren lässt, wirkt der Generalsmantel gar nicht mal wie der übliche Mummenschanz.

Auch wenn sie nicht alle Asse, etwa „Suburbia“, aus ihrem unergründlichen Hit-Hüten zücken, zeigen die 22 Nummern des gut zweistündigen Vision-and-Sound-Spektakels die Pet Shop Boys auf der Höhe der Zeit. Patina fände auch gar keinen Halt auf Tennants güldenem Glitzerjacket, das er sich eigens zum Start-up-Song „West End Girls“ überstreift. Kurze Verbeugung. Dann geht ein Lasergewitter auf die halb hypnotisierte House-Menge nieder. Im grün-blauen Strahlen-Stakkato fächert sich „Home and Dry“ auf, „It’s a Sin“ psalmodiert in blutroten Zuckungen. „Left To My Own Devices“ hat Tennant generalüberholt und in einen Scratch-Rap verwandelt.

Hymnisch bollert kurz vor der Zugabe der Village-People-Gassenhauer „Go West“ gegen eine quietschbunte Ballonwand. „Steht auf, wenn ihr Mainzer seid“, gibt hinten ein Publikumschor den Ball selig singend zurück. Als Multifunktions-Marke sind die Pet Shop Boys unschlagbar.