Computer statt Pinsel und Leinwand: „Creative...

Hier wird Kunst programmiert: Teilnehmer bei einem der „Creative Coding“-Workshops in Frankfurt.Foto: Israel Bistrain  Foto: Israel Bistrain

Eigentlich passt das doch gar nicht zusammen. Hier nüchterne Nullen und Einsen. Dort sinnliche Ästhetik. Hier der pragmatische Ansatz der Informatik: Problem –...

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FRANKFURT. Eigentlich passt das doch gar nicht zusammen. Hier nüchterne Nullen und Einsen. Dort sinnliche Ästhetik. Hier der pragmatische Ansatz der Informatik: Problem – Programmieren einer Software zur Lösung des Problems – Lösung. Ultimativ zweckorientiert. Dort die Welt der Kunst, die doch eigentlich zweckfrei sein sollte. Aber genau dieser Widerspruch macht den Reiz von „Creative Coding“ aus: „Man nimmt ein logisches, zielorientiertes Verfahren, um damit zu experimentieren und etwas Kreatives zu machen“, erklärt Rosi Grillmair. „Der Computer ist praktisch mein Pinsel, meine Leinwand“.

Hier wird Kunst programmiert: Teilnehmer bei einem der „Creative Coding“-Workshops in Frankfurt.Foto: Israel Bistrain  Foto: Israel Bistrain
„Artificial Intelligence for Governance, the Kitty AI“ (Pinar Yoldas) in der Ausstellung auf dem „Node Forum“. Foto: Daniel Wilmers  Foto: Daniel Wilmers

Ein zentrales Werkzeug wurde in Frankfurt entwickelt

Die 25-Jährige aus Linz kuratiert derzeit das Workshop-Programm auf dem „Node Forum for Digital Arts“ – einem Festival für Digitalkunst, das noch bis zum Wochenende in Frankfurt stattfindet. Grillmair selbst hat neben Medienkunst auch Informatik studiert – sieht das aber nicht als Voraussetzung dafür, um sich als Künstler am Computer ausprobieren zu können. „Man muss dafür keinen klassischen Code programmieren können“, erklärt sie. Der Grund dafür heißt „vvvv“, gesprochen „V vier“ – und er liefert auch die Erklärung dafür, wieso Frankfurt eines der Zentren der „Creative Coding“-Szene ist. Denn bei „vvvv“ handelt es sich um ein zentrales Werkzeug zum Erstellen multimedialer Kunst – das 1998 in Frankfurt entwickelt wurde. Ursprünglich war es als firmeninterne Anwendung für die Designagentur Meso gedacht, die künstlerische und kommerzielle Multimedia-Projekte erarbeitet – letzteres vor allem für die Autoindustrie.

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Firmenintern ist „vvvv“ längst nicht mehr. Da die Entwickler das Programm im Internet frei verfügbar gemacht haben – für nicht kommerzielle Zwecke sogar kostenlos – wird es heute an allen Ecken der Welt für Projekte verwendet: von Amsterdam bis Teheran, von Buenos Aires bis Nairobi. Künstler und Programmierer tauschen sich dabei auch online über ihre Arbeiten aus. „Das allererste Node Forum kam vor allem deshalb zustande weil sich all die Menschen, die sich aus dem virtuellen Raum kannten, einmal persönlich treffen wollten“, erzählt Johanna Teresa Wallenborn, eine der beiden Leiterinnen des aktuellen „Node Forums“. Das war 2008. Inzwischen findet das Festival alle zwei Jahre statt. Seit 2015 richtet es sich auch stärker an die Öffentlichkeit, will zu einem Diskussionsort für Chancen und Gefahren der Digitalisierung werden. „Designing Hope“ lautet etwa diesmal das Motto.

Doch noch immer sind die „vvvv“-Workshops das Herzstück. Wer einen Blick in einen dieser Kurse wirft, versteht, wovon Rosi Grillmair redet: Mit klassischem Computer-Code hat das, was auf den Bildschirmen der Teilnehmer zu sehen ist wirklich nichts zu tun. Vielmehr erinnert es an eine Mindmap: Einzelne Bausteine, die „nodes“ (Knoten, Schnittstelle) sind durch Linien verbunden und können immer wieder neu angeordnet werden. Hinter jedem steckt ein Befehl. „Ich kann zum Beispiel erst mal sagen, dass ich gerne Kreise hätte, und diesen dann eine bestimmte Farbe geben“, sagt Grillmair – ein Ausgabefenster zeigt dann in Echtzeit, was man als Animation programmiert hat.

Natürlich ist man dabei nicht auf so Einfaches festgelegt. Über „vvvv“ lässt sich alles Mögliche ansteuern, etwa auch das Werkzeug Kinect, mit dem man Bewegungen von Tänzern in 3D aufzeichnen kann (gemacht wird das unter anderem beim Projekt Motion Bank der Hochschule Mainz). Lösungen für das Anschließen von Hardware werden im „vvvv“-Forum miteinander geteilt, wie Grillmair erzählt – viele Arbeiten sind am Ende Gemeinschaftswerke. Ein Beispiel dafür ist „In the Eye of the Animal“ von Marshmallow Laser Feast und Natan Sinigaglia in der aktuellen „Node“-Ausstellung: Darin sieht der Betrachter mithilfe einer „Virtual Reality“-Brille einen Wald so, wie eine Libelle oder ein Frosch ihn wahrnehmen. Das zeigt auch: Kunst, die am Computer entsteht, kann durchaus sinnlich sein – und muss längst nicht nur Digitales zum Thema haben.

Von Johanna Dupré