Alles wird verwandelt

Was für „Meister und Margarita“ gerade im Kleinen Haus in Mainz entsteht, hat die Dimension eines Einfamilienhauses.Foto: hbz/Jörg Henkel  Foto: hbz/Jörg Henkel

Elf Meter breit, mehr als acht Meter hoch: Das sind die wahnwitzigen Maße des Bühnenbilds, das für „Meister und Margarita“ gerade Stück für Stück im Mainzer Kleinen...

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MAINZ. Elf Meter breit, mehr als acht Meter hoch: Das sind die wahnwitzigen Maße des Bühnenbilds, das für „Meister und Margarita“ gerade Stück für Stück im Mainzer Kleinen Haus entsteht. Aus 300 bis 400 Großteilen werden die drei Stockwerke direkt auf der Bühne zusammengebaut, wie Christoph Hill, Technischer Direktor des Mainzer Staatstheaters, erklärt. Anders ließe sich ein so großer szenischer Bau nicht ins Kleine Haus bringen. „Von der Fläche her ist das ein kleines Einfamilienhaus“, sagt Hill – und genau diesen Eindruck vermittelt das, was zu diesem Zeitpunkt bereits zu sehen ist. Nur ohne Hauswand.

Aufwändiges Bühnenbild nur durch Ausnahmefall möglich

Dieser Realismus ist durchaus gewollt, wie Bühnenbildnerin Julia Kurzweg erklärt: „Wir wollen auch noch funktionierende Lichtschalter einbauen, und Telefone“. Aber natürlich ist das nur eine Ebene – auf dem Bühnen-Modell, das neben ihr steht, wirkt alles gar nicht mehr so naturalistisch. Unter anderem wegen der Schienen, die mitten durchs Gebäude führen. „Die sind für eine Fahrraddraisine, auf der die Teufelsband fahren wird“, sagt Kurzweg.

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Die Teufelsband? Natürlich die Teufelsband – schließlich geht es hier um Michail Bulgakows großen Roman, bei dem sich Allegorisch-Religiöses mit einer satirischen Bestandsaufnahme der Moskauer Gesellschaft mischt. Wie sich dieses breite Panorama auf die Bühne bringen lässt, war die zentrale Frage, zu deren Lösung auch das Bühnenbild beizutragen hatte. „Jan-Christoph Gockel (der Regisseur, Anm. d. Red.) und ich wollten schon länger gerne ‚Meister und Margarita‘ machen“, erzählt Kurzweg, „aber uns war sofort klar, dass man dafür viel Platz braucht“. Deshalb lag die Idee auf Eis – bis sich im Kleinen Haus eine unverhoffte Chance ergab. Weil das Theater sich darauf eingestellt hatte, dass die seit 2013 defekte Obermaschinerie in der Pause zwischen dieser und der kommenden Spielzeit ausgetauscht wird, war für Ende Juni eine En-Suite-Produktion vorgesehen: Eine Freilichtinszenierung, die hintereinander weggespielt werden sollte, damit im Kleinen Haus gewerkelt werden kann. Jetzt wird die Obermaschinerie erst nächstes Jahr ausgetauscht – und das Kleine Haus ist frei und kann für „Meister und Margarita“ komplett in eine „Kommunalka“ verwandelt werden, eine russische Gemeinschaftswohnung also. Das fertige Bühnenbild kann auf drei Stockwerk-Ebenen bespielt werden, wie Kurzweg erklärt – auch simultan, und sogar die Rückseite dient als Kulisse. „So können wir die vielen Handlungsorte des Romans konzentriert an einem Ort zusammenbringen“. Dazu werden 20 Ensemble-Mitglieder für „Großstadtgefühl“ sorgen – in mehrerer Hinsicht also eine große Produktion. Deren Aufführungen man sich gut notieren sollte, wenn man sie nicht verpassen will. Eine Wiederaufnahme ist nicht möglich – mal schnell auf- und abbauen lässt sich dieses Bühnenbild nicht.

Von Johanna Dupré