Von Rolf Lehmann
Wenn am Samstag im Fürstentum Monaco die 93. Tour de France gestartet wird, dann könnte sich ein Team in den Vordergrund fahren, das erst im vergangenen Herbst aus der Taufe gehoben worden war und sich vor allem durch seine ungewöhnliche Philosophie von der Konkurrenz abhebt: Cervelo-Test-Team. Einer der Sportlichen Leiter des schweizerisch-kanadischen Rennstalls, in dessen Reihen unter anderem Vorjahres-Sieger Carlos Sastre steht, ist der Niedernhausener Jens Zemke.
Frage: Herr Zemke, was macht ein Sportlicher Leiter in einem Team, bei dem sportliche Erfolge zweitrangig sind und Hinterherfahren ausdrücklich erlaubt ist?
Zemke: Ganz so ist es dann doch nicht. Natürlich freuen auch wir uns über sportlichen Erfolg, aber wir wollen ihn nicht um jeden Preis. In erster Linie geht es dem kanadischen Radhersteller Cervelo darum, neues Material zu testen. Und das unter Wettkampfbedingungen und von den besten Leuten, die wir bekommen konnten.
Frage: Vorjahressieger Carlos Sastre oder Ausnahmesprinter Thor Hushovd als Testfahrer?
Zemke: Wenn man so will, ja. Aber deshalb dürfen sie trotzdem erfolgreich sein.
Frage: Ihr Teamchef Thomas Campana leitet daraus ab, dass aufgrund fehlenden Leistungsdrucks Doping gar nicht erforderlich sei. Ein Marketing-Trick?
Zemke: Keineswegs. Statt Leistungsprämien gibt es bei uns ausschließlich langfristige Verträge. Niemand braucht also aus Existenzängsten oder falsch verstandenem kampf zu unerlaubten Mitteln zu greifen. Ich denke, die Fahrer haben das verstanden.
Frage: Campana sagt weiter, dass für einen Mann wie Lance Armstrong kein Platz in seinem Team wäre. Wie stehen Sie zum Comeback des siebenmaligen Tour-Siegers?
Zemke: Ich bin selbst noch als Rennfahrer mit Armstrong groß geworden und für mich war er immer unantastbar. Mittlerweile hat seine vermeintlich weiße Weste jedoch Flecken bekommen. Das kann dem Radsport nicht zuträglich sein.
Frage: Welche Rolle spielen deutsche Fahrer wie Heinrich Haussler oder der frischgebackene nationale Straßenmeister Martin Reimer im Team?
Zemke: Dass Haussler mit seinen zweiten Plätzen bei Mailand ¬ San Remo oder der Flandern-Rundfahrt derart einschlägt, hat selbst uns überrascht. Ich bin sicher, dass er auch bei der Tour auf sich aufmerksam machen wird. Noch unerwarteter allerdings kam der Sieg von Reimer bei der Deutschen Meisterschaft am vergangenen Wochenende in Cottbus. Er ist mit seinen 22 Jahren ein unglaubliches Rennen gefahren und soll nun ab Sonntag bei der Österreich-Rundfahrt zeigen, was er drauf hat.
Frage: Sie selbst werden die Tour nicht von Beginn an begleiten?
Zemke: Nein, ich werde zunächst unser Team in Österreich betreuen, dann aber später zum Tour-Tross hinzu stoßen.
Frage: : Sie waren über viele Jahre hinweg Sportlicher Leiter der Frauen vom Team Nürnberger. Worin liegt im Radsport der berühmte kleine Unterschied?
Zemke: Das ist gar nicht miteinander zu vergleichen. Bei den Frauen war ich so eine Art Allein-Unterhalter mit Seelsorger-Funktion und konnte froh sein, wenigstens noch einen Mechaniker an der Seite zu haben. Heute haben wir sogar unseren eigenen Koch dabei.
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