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Rüsselsheim 

Blutige Zerstörung einer Familie

30.07.2010 - RÜSSELSHEIM

Von Michael Wien

VERFOLGT Nazi-Mörder setzen Josef Linz und den Seinen bis in den Süden Frankreichs nach

Unter den Fotografien, die Rolf Strojec, Sprecher der „Stolperstein“-Initiative, neben all seinen fruchtbaren Recherche-Ergebnissen für diese Serie zur Verfügung gestellt hat, sind Pass- und andere Porträtbilder, die Menschen in meist steifer Haltung beim Fotografen zeigen. Daneben gibt es Rüsselsheim-Ansichten, die ein wenig von den unterschiedlichen Stimmungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen. Wenige Fotos sind erhalten, auf denen man Rüsselsheimer Opfer des Nazi-Terrors in glücklicheren Zeiten ihres Lebens sieht.

Eines genau dieser Bilder lädt sofort zu näherem Hinsehen ein. Noch bevor man erfährt, was die Menschen darauf später zu leiden hatten, beginnt man unwillkürlich, nach ihnen zu fragen. Wahrscheinlich, weil sie trotz aller Unterschiede in Kleidung und Auftreten nicht wie irgendwelche Fremde aus irgendeiner fernen Zeit aussehen. Sie wecken sofort das Interesse auch des heutigen Betrachters, weil sie so gegenwärtig wirken. Das Foto zeigt drei Menschen in einer letzten fast noch idyllischen Phase ihres Lebens, erfährt man dann. „Sommer 1930 Rüsselsheim“ ist mit Füller an den Rand der Aufnahme geschrieben. „Dieses Bild habe ich von Margot Parouty, geborene Linz, aus dem französischen Perigueux erhalten“, berichtete Strojec. Und weiter, dass Madame Parouty die Nichte von Melanie und Karl Linz ist. Auf dem Foto sind zu sehen: die kleine, etwas verlegene Margot, Tante Melanie sowie deren Bruder, Josef Linz, der Vater Margots. Rüsselsheimer, die später „behandelt“ wurden, wie fühlende Menschen nie mit Vieh umgehen würden.

Margot Parouty berichtete Rolf Strojec Einzelheiten ihrer furchtbaren Familiengeschichte. Als Juden wussten Melanie und Karl Linz nach der Machtübernahme der Nazis um ihre ganz besondere Gefährdung. Sie hatten sich schon bald schweren Herzens entschlossen, ihre Heimat zu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. „Melanie hatte bereits ein Affidavit, eine beglaubigte Bürgschaftserklärung eines US-Amerikaners, unerlässlich für eine Einreise in die Vereinigten Staaten. Aber sie entschied sich aus Fürsorge für ihren anderen Bruder, Karl, in Rüsselsheim zu bleiben. Karl war lungenkrank. Diese Fürsorge war am Ende für beide tödlich.“

Nächtliche Flucht im Güterwagen

Von der Rüsselsheimer Familie Linz war hier schon anlässlich der ersten „Stolperstein“-Verlegung (2008) die Rede. Josef Linz war in der Opelstadt als Generalvertreter für Citroen-Autos bekannt. 1934 floh er mit Ehefrau Jula und ihrem Töchterchen, Margot, ins Saargebiet und übernahm die Citroen-Vertretung in Saarbrücken, berichtet Strojec. Nach der Eingliederung der Saar ins „Dritte Reich“ floh die Familie 1935 erneut, jetzt ins elsässische Strasbourg, wo Josef Linz weiterhin für Citroen arbeiten und seine Familie ernähren konnte. Als bei Kriegsbeginn die deutsche Wehrmacht ins Elsass einmarschierte, musste die Familie erneut fliehen, nun Hals über Kopf in den Süden Frankreichs. Margot Parouty erinnere sich noch heute an die nächtliche Flucht mit der Eisenbahn in primitiven Güterwagen ins Perigord, erzählt Strojec.

Die kleine Margot, ihre Tante Melanie und ihr Vater, Josef Linz, im Sommer 1930 vor dem Haus Mainstraße 13. Melanie, Josef und Karl Linz wurden von den Nazis ermordet. Das kleine Mädchen verlor sie und ihre Heimat.	Foto: privat

Die kleine Margot, ihre Tante Melanie und ihr Vater, Josef Linz, im Sommer 1930 vor dem Haus Mainstraße 13. Melanie, Josef und Karl Linz wurden von den Nazis ermordet. Das kleine Mädchen verlor sie und ihre Heimat. Foto: privatVergrößern

KONTAKT IN DIE HEIMATSTADT

In Chateau l’Eveque gibt es eine Stele, die an die Erschießung von Joseph Linz und Résitance-Mitgliedern erinnert.

Bis heute lebt Margot Parouty, geborene Linz, in der Dordogne, der französischen Provinz, in die ihre Eltern schließlich mit ihr geflohen waren und in der ihr Vater dennoch von Nazis ermordet wurde. Verheiratet ist sie mit einem ehemaligen Mitglied der Résistance, berichtet Rolf Strojec weiter.

Planck-Schüler begleiteten 2008 aktiv die Verlegung des Stolpersteines für die deportierten und 1942 ermordeten Geschwister Karl und Melanie Linz, Onkel und Tante Margots, am letzten Wohnsitz, Mainstraße 13. Zwei beschrieben die jäh abgebrochenen Lebensläufe. Im Unterricht und außerhalb nutzten Mitschüler die Chance, über Formen des Erinnerns zu diskutieren.

Zu dieser ersten „Stolperstein“-Verlegung für ihre ermordeten Angehörigen am 2. Oktober 2008 hatte sich Margot Parouty bei der Rüsselsheimer Initiative gemeldet. Über all das erlittene Grauen hinweg hat sie bis heute zu ihrer Heimatstadt, aus der ihre Familie blutig vertrieben wurde, auf besondere Weise Kontakt. Sie ist eng verbunden mit einer hier lebenden Freundin aus unbeschwert erlebten frühen Kindheitstagen. Seit Ende der Nazizeit und des Krieges trafen sie sich immer wieder in der Schweiz, weil Margot Parouty Deutschland mied.

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