Von Michael Wien
ZUG DER ERINNERUNG Zehn junge Rüsselsheimer von Gedenkreise aus Auschwitz zurück
Verändert kehrten zehn junge Rüsselsheimer, sechs von der Heinemann-, vier von der Kantschule, am 18. April von einer Reise zurück. Eine Woche waren sie als Teilnehmer des von der Bundesregierung geförderten „Zuges der Erinnerung” mit mehr als 100 anderen unterwegs gewesen, hatten in Berlin und dann für drei Tage im polnischen Auschwitz Station gemacht. Gestern berichteten sie in der Synagoge der „Stiftung Alte Synagoge” und Klaus Müller von der Vereinigung „Gegen Vergessen und für Demokratie” über Erlebtes und bewegend auch darüber, was das Erfahrene in ihnen ausgelöst hat. Die Stiftung hatte zum Eigenanteil jedes Schülers (120 Euro) 100 Euro hinzu gegeben, Klaus Müller, ehemaliger Leiter der Heinemannschule, hatte alle auf den „Zug der Erinnerung” aufmerksam gemacht.
Die im Schnitt 18 Jahre alten Rückkehrer äußerten Unverständnis darüber, dass aus anderen Städten kommend auch Jüngere den Eindrücken im ehemaligen Konzentrationslager ausgesetzt wurden. Von Verständnisproblemen erst recht Jüngerer abgesehen hatten selbst sie als Reifere unter dem, was ihnen dort begegnete, offenkundig zu leiden. Unvorbereitet einem Schaufenster voller Menschenhaar oder einem Berg Kämme derer gegenüber zu stehen, die dort ermordet wurden, sei etwas anderes, als darüber zu lesen. In eindringlichen Worten schilderten die jungen Frauen und Männer, wie sie zwar Abend für Abend das KZ verlassen konnten, wie das Unglücklichsein über die Qualen der Naziopfer sie aber in ihrer Unterkunft, fünf Gehminuten entfernt, nicht losließ. Tagsüber stummes Annehmen, Aushalten, abends dann Gruppengespräche, um es nicht allein tragen zu müssen. Gefühle nicht zurückhalten zu können, auch zu weinen und sich dafür nicht zu schämen, sondern einander beizustehen, habe die Mitglieder der Gruppe einander unerwartet nahe gebracht.
In Berlin auf SS-Plätzen im Raum der „Wannseekonferenz” zu sitzen, die über die Vernichtung der Juden beschloss, sei schon furchtbar, dann in Auschwitz in Aschegruben der Opfer zu blicken, ungeheuerlich. Als berührendste Erfahrung empfanden die jungen Menschen eine Begegnung mit Josef Aaron, einem jüdischen Zeitzeugen. Nazis verschleppten ihn im Alter von zehn Jahren ins KZ Bergen-Belsen, seine Eltern ermordeten sie. 1945 sei sein Leiden nicht zu Ende gewesen, von einem Heim ins nächste habe man den Analphabeten geschickt. Und doch vertraue er bis heute auf Gott, empfinde keinen Hass, stellen seine Gesprächspartner mit Erstaunen und Respekt fest. Aaron hat sie nach Jerusalem eingeladen, zunächst per Post will man den Kontakt halten.
Auf der Couch sitzen, fernsehen? Fast alles erschien den Heimkehrern zu banal nach allem, was sie mit eigenen Augen gesehen und tief getroffen nachgefühlt hatten. Bis heute hat sie der Alltag nicht so wieder wie gehabt. Die Verarbeitung wirft Fragen auf. Wie erging es den Großeltern im „Dritten Reich”? Und sie reagieren anders, eine junge Frau sagt „allergisch”, auf rassistische Äußerungen. Etwa auf das „Du Jude!”, mit dem mancher Jugendliche vorgeblich unbedacht einen anderen belegt, wenn er ihn beschimpfen will. „Fronten verhärten sich”, sagt eine Teilnehmerin. „Oft einfach von Gruppe zu Gruppe. Sich zusammenschließen: Ja. Aber warum gegen andere?”
