Von Michael Wien
Fachleute fordern Hauswirtschaft als Pflichtfach und Reihenuntersuchung in Kita und Schule
Falsche Zahnstellung, unreine Haut weit vor Beginn der Pubertät: Kinder armer Familien seien immer häufiger und mit nachhaltiger Wirkung an ihrem schlechten Versorgungsgrad zu erkennen, stellten Ende Februar die 60 Teilnehmer der Fachtagung zur Kinderarmut fest.
Erzieherinnen aus Kitas, Lehrer sowie Mitarbeiter kommunaler Verwaltungen und freier Wohlfahrtsorganisationen berichteten in der Humboldtschule auf Einladung der Veranstalter, allen voran des "Bündnisses gegen Sozialabbau", auch über augenscheinliche gesundheitliche Gefährdungen für Kinder durch wachsende Armut in Stadt und Umland. Ältere Seminarteilnehmer erinnerten sich an regelmäßige Reihenuntersuchungen während ihrer Zeit als Kinderarmut Schüler. Schularzt und Schulzahnarzt kamen und fahndeten nach bis dahin unbemerkt gebliebenen Erkrankungen, sie verordneten Behandlungen, verfügten gezielte Nachuntersuchungen. Bei ebenfalls pflichtgemäßem Erscheinen in Gesundheitsämtern, in denen auch reihenweise geröntgt werden konnte, kam seltener etwas heraus, bei den Arztbesuchen in der Schule aber tatsächlich so manches zum Vorschein, das von Haus- oder Kinderärzten nicht oder noch nicht entdeckt worden war und nun beizeiten mit segensreicher Wirkung für das weitere Aufwachsen der Kinder einer Behandlung zugeführt werden konnte. Die Seminarteilnehmer wunderten sich über die Abschaffung dieser erfolgreichen Praxis und stellten fest, gerade in einer Zeit wieder zunehmender Armut sei es dringend erforderlich, schnellstens zu dieser Praxis zurückzukehren. Manche Kinder hätten noch nie eine Zahnbürste gesehen, geschweige denn benutzt. Selbst rein finanzielle Erwägungen müssten immer zu Gunsten der Reihenuntersuchungen ausfallen. Dass vorzubeugen stets preiswerter sei, als zu heilen, sei eine Binsenweisheit. Im übrigen profitierten alle Kinder davon. Kita-Erzieherinnen wiesen darauf hin, schon bei den Kleinkindern sei die Einführung von Reihenuntersuchungen, darunter auch Seh- und Hörtests, dringend notwendig, um unerkannte Benachteiligungen aufzuspüren und beheben zu helfen. Zu den Gesundheitsgefährdungen zählten die Seminarteilnehmer natürlich auch die in dieser Serie bereits ausführlich behandelte mangelhafte Ernährung. Viele erhielten zu wenig Nährstoffe, viele würden während des Aufwachsens aus Mangel an Geld und Kenntnissen "nur" zu einseitig ernährt, mit sehr wenig oder ganz ohne Gemüse und Obst. Nicht immer Untergewicht, sondern vielfach Übergewicht und Rückenschäden seien die Folgen. Wieder einzuführen sei daher neben Reihenuntersuchungen auch Hauswirtschaft, und zwar als Pflichtfach, nun für Mädchen wie Jungen und auch an allen weiterführenden Schulen. Die mancherorts angebotenen Wahlpflichtkurse könnten den tatsächlichen Bedarf nicht decken, um allen Lebenskunde zu vermitteln. Ein Seelsorger machte darauf aufmerksam, viele arme Familien seien am Umfang der gelben Säcke in ihrem Hausabfall zu erkennen. Sie kauften weit mehr Fertigkostprodukte ein, trauriger Weise nicht nach der Güte der Bestandteile, sondern nach der Verheißung der meist irre führenden bunten Bilder auf der Verpackung ausgewählt. In der Zuversicht, ihren Kindern etwas Gutes zu bieten, verdrängten sie dabei auch mangelhafte Kenntnisse, was die Zubereitung leckeren, frischen und zugleich meist weit preiswerteren Essens betrifft. Lehrerinnen konstatierten, es gebe kaum noch Kollegen, die Kochen und andere hauswirtschaftliche Fähigkeiten vermitteln könnten. Die das noch beherrschten, seien "durchweg schon älter". Da fehle inzwischen eine ganze Generation, mit deren Kochkünsten es womöglich selbst nicht mehr so weit her sei, wurde offen eingeräumt.
