Von Michael Wien
Kinderarmut in Rüsselsheim/Mittags auf Vorrat essen, weil es danach kaum noch was gibt
Von 9175 Rüsselsheimer Kindern im Alter bis zu 15 Jahren lebten im März 2006 bereits 1713 von Hartz IV, also 18,6 Prozent. Betrachtet man alle Minderjährigen, lebten hier vor knapp einem Jahr bereits 2002 unterhalb der Armutsgrenze. Tendenz: steigend.
Gerda Holz, Sozialarbeiterin und Politikwissenschaftlerin am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, erklärte am Donnerstag in der Humboldtschule beim Fachseminar zur Kinderarmut, in einer Gesellschaft, die ihren Reichtum materiell definiere, fielen die auf und seien von Ausgrenzung und Selbstausgrenzung bedroht, die nicht Kinderarmut über das Geld verfügen, mitzuhalten. In Workshops berichteten sodann 60 teilnehmende Kita-Erzieher, Lehrer, Kirchenleute und Gewerkschafter, wie ihnen Kinderarmut im Alltag begegnet. Ein großes Problem ist der Hunger. Die "Main-Spitze" hatte bereits vor fünf Jahren bei Recherchen für eine Serie über Gewalt- und Drogenvorbeugung herausgefunden, dass nahezu 500 Rüsselsheimer Kinder unvorbereitet und ohne gefrühstückt zu haben in die Schule gelangen. Einige hatten ein, zwei Euro mitbekommen und sich als Mittagessen süße Sachen am Kiosk oder im Supermarkt geholt, andere nicht einmal das zur Verfügung. Spuren nachgehend, war weiter zu berichten, dass sich selbst Jungen scharenweise zu Kochkursen in Jugendeinrichtungen meldeten. Dort konnten sie aufessen, was zubereitet wurde. Schlossen die Sozialarbeiter abends ihre Jugendräume, begegneten sie draußen etlichen dieser Kinder, die daheim offenbarauch niemand zum Abendessen erwartete. Sozialarbeiter waren damals wenig erpicht, die als Alternative vorgestellte Mittagsspeisung der ersten Betreuungsschulen fotografieren zu lassen. Zu viele dort angemeldete Mädchen und Jungen hatten bis dahin schon solidarisch andere mitgebracht, für die bitte auch noch ein Teller Suppe übrig sei. In der Folge drohten Portionen immer kleiner zu werden und man fürchtete Protest von Eltern, die für die Speisung ihrer Sprösslinge zahlten. Sozialdezernent Jo Dreiseitel bestellte nach Lektüre des Artikels zusätzliche Mahlzeiten, um größte Not zu lindern. Am Donnerstag berichteten nun Tagungsteilnehmer aus Rüsselsheim und dem Umland, dass der Hunger mehr denn je eines der Hauptmerkmale der wachsenden Kinderarmut ist. Besonders wenn mehr als ein Kind zu versorgen ist, reicht es in immer mehr Familien nicht mehr für das Essen. Ein Raunheimer Lehrer berichtete, seit die Stadt einen Zuschuss gewähre, das Essen in der Schulcafeteria nur noch zwei statt 2,90 Euro kostet, gebe es wesentlich mehr Anmeldungen. Als eine Klasse mal ein Mittagessen gewonnen hatte, wartete ein Kind, das ihr nicht angehörte, an der Eingangstür. Ein Junge holte sich, kaum dass er aufgegessen hatte, den möglichen Gemüse-Nachschlag und brachte ihn - dem Geschwisterchen. Mitschüler berichteten, etliche hielten das so, um Bruder oder Schwester mit durchzubringen. In allen drei Seminargruppen berichteten am Donnerstag Erzieher und Lehrer, dass sich viele Kinder in Kitas und Betreuungsschulen mittags förmlich auf das Essen stürzen. Die wenigsten tun das, weil es in ihren Familien üblicher Weise erst abends etwas Warmes gibt. Viele schlügen sich den Bauch voll, weil sie daheim am Vorabend nur wenig bekamen und auch für den Rest dieses Tages kaum noch etwas oder gar keine Nahrung mehr erwarten.
