„Woyzeck“ mit Tom Waits-Songs in Darmstadt
07.02.2012 - DARMSTADT
Von Jens Frederiksen
Läuft und läuft. Läuft immer im Kreis. Der Darmstädter Woyzeck des Simon Köslich hat allerdings auch gar keine andere Möglichkeit, wenn er sich Luft verschaffen will. Denn ein fast bühnenfüllender Holzzylinder, der auf Schienen ruht und von den Akteuren zu zwei Teilen auseinandergeschoben werden kann, engt seinen Bewegungsspielraum erheblich ein.
Der Bühnenraum für Malte Kreuzfeldts Darmstädter „Woyzeck“-Inszenierung ist kein realistisches Abbild der Realitäten, die Autor Georg Büchner Mitte der 1830er Jahre in seinem Lebensumfeld vorfand. Holztonne, aufschiebbar - das lässt eher an Bedrängnisse und Ängste denken. Die Handlung - verlegt also in den Kopf der Titelfigur?
Jahrmarkt mit Luftballons
In der Tat stellt sich die Darmstädter Inszenierung der todtraurigen Biografie des Dienstmannes Woyzeck von Anfang an als ein traumwandlerisches Wiegen und Tasten dar. Eineinviertel Stunden Aufführungsdauer nur - aber unausweichlich wird daraus eine Reise nach innen, eine Reise durch eine geschundene Seele.
Es beginnt mit der Rezitation jenes niederschmetternden Märchens von der Wanderung durch einen trostlosen Himmel mit einem Mond darüber wie „ein Stück faul Holz“, das Büchner einer alten Frau in den Mund legt - in Darmstadt rezitiert ein namenloser Kerl mit schlenkernden Beinen den Text von der Brüstung des Holzzylinders herab. Kein Trost, nirgends - und das verstärkt sich, wenn Woyzeck seine Runden zu ziehen beginnt.
Plötzlich jedoch geht die Holzfestung auf, über der Szenerie schweben Luftballons, und im dunstumwehten Halbdunkel darunter beginnt sich eine Gesellschaft in Hüten, Helmen und Spitzenröcken vorsichtig zu drehen. Ein Jahrmarkt - und also: ein Lichtblick. Und ein weiteres vergnügliches Element folgt auf dem Fuße: Aus dem Orchestergraben scheppert im Walzertakt die schräge Kirmesmusik von Rock-Röhre Tom Waits, vorn an der Rampe übernommen von einem Jahrmarktsausrufer (Aart Veder), der mit schneidender Stimme „God‘s Away on Business“ schmettert.
Tom Waits hatte im Jahre 2000 für eine „Woyzeck“-Aufführung Robert Wilsons in Kopenhagen eine Reihe von Songs komponiert. Die kommen jetzt in Darmstadt wieder zum Einsatz und erweisen sich in ihrer kratzigen Robustheit als schönste Stimmungsaufheller: Woyzecks Frau Marie (Maika Troscheit) im Duett mit ihrem schäbigen Verführer, dem Tambourmajor (Andreas Manz), kurz darauf Woyzeck allein mit schrägem Klagegesang - toll.
Was bei alledem zu kurz kommt, ist die Figurenzeichnung. Nur Äußerlichkeiten, die im Gedächtnis bleiben. Selbst der joggende Woyzeck des Simon Köslich wirkt bis zuletzt wie ferngesteuert - und bleibt damit alle guten Gründe für ein nachhaltiges Interesse schuldig.
