Von Volker Milch
GESPRÄCH Katharina Wagner probt in Mainz Giacomo Puccinis Oper "Madama Butterfly"
Draußen vor dem Staatstheater ist eher Wintersturm als Wonnemond angesagt, eher Wagner-Wetter als Puccini-Klima. Drinnen, auf der Bühne, sortiert sich das Ensemble und erwartet Katharina Wagner, die Urenkelin des Bayreuther Meisters. Wir warten auf Gefühle wie jene Napoleons vor den Pyramiden: Bald schauen in der Person Katharina Wagners 200 Jahre doch sehr spezieller Familiengeschichte auf uns herab. Geprobt wird in Mainz indes keines von Richards riesigen Gesamtkunstwerken, sondern Italienisches von Puccini: "Madama Butterfly".
Katharina Wagner kommt. Im Fell! Das passt nicht nur zur Witterung, sondern zu den im Fall Wagner charakteristischen Assoziationen, selbst wenn der Pelzmantel nicht aus Bärenfell geschneidert ist. "Walküre" zum Beispiel: wildes Felsengebirge mit jagenden Wolkenzügen. Die Urenkelin würde als Wagner-Heroine bestens in diese Landschaft passen: blond, stattlich, kraftvoll im Auftritt. Sie spricht allerdings nicht in Stabreimen, sondern frische, fränkisch grundierte Prosa, in der das Wörtchen "Geil" ziemlich oft vorkommt. Aber, aber! Und sie begegnet den Sängern nicht als versteinerte Wagner-Pyramide, sondern auf Augenhöhe: "OK, ihr Süßen", begrüßt die Regisseurin das Ensemble, spart später auch nicht an Diminuitiven ("Bodolein"). Das Klima ist entspannt, obwohl die Sänger allerlei Dinge tun müssen, die bei "Butterfly" nicht unbedingt zum Standard gehören: sich hinter Tüchern verbergen, mit geheimnisvollen Kästchen hantieren oder mit wurzelartigen Textilstreifen wedeln. Die Tochter Wolfgang Wagners, des langjährigen Festspielchefs und langweiligen Regisseurs, hat ihren eigenen Kopf und liebt es szenische bunter als Papa. Das durfte man schon in ihrem Münchner "Waffenschmied" oder in den "Meistersingern" zu Bayreuth erleben. Der fiese, mephistophelische "Spielmacher" ihrer Inszenierung sei der Heiratsvermittler Goro, sagt Katharina Wagner in einer Zigarettenpause. In Goros Bannkreis geraten der untreue Marineoffizier Pinkerton und auch Konsul Sharpless. Der ist kein netter Onkel, wie so oft, sondern benimmt sich auch brutal.
"Eine starke Persönlichkeit"
Cio-Cio-San, die "Butterfly" genannte Titelfigur, möchte die Regisseurin aufwerten: "Sie ist eine starke Persönlichkeit, die schon sieht und die auch weiß, was der Pinkerton macht. Dieses Dümmliche, Weiblich-Naive konnte ich nicht so wirklich akzeptieren." Dabei liebe sie Puccini: "Mir wird zwar immer Wagner angeboten, weil der spannender für Intendanten ist. Aber wenn man mir Puccini gibt, mache ich das sehr gerne!"
Wir wagen zu fragen, ob Puccini-Regie nicht entspannender sei als die Auseinandersetzung mit Uropas Übergrößen und dem ewigen Erlösungskram. Dem stimmt sie insofern zu, als dass die ganze "Butterfly" nur etwa so lang sei wie der 1. Aufzug der "Götterdämmerung". Da könne man "ganz arg" am Detail arbeiten: "Das ist schön!" Bisher habe sie übrigens noch keine Zeit gehabt, in Mainz oder Biebrich auf Uropas Spuren zu wandeln. Das Allerheiligste im Schott-Verlag ist ja das Wagner-Zimmer, und in Biebrich hat der Komponist sicher nicht nur an die "Meistersinger", sondern auch an Mathilde Maier Hand angelegt, ein Mainzer Mädchen. "Wir wandeln nur vom Hotel zum Theater oder gerade ins nächste Restaurant", sagt Katharina Wagner über ihr Programm jenseits des Theaters: "Das war´s. Leider!"
Wie zur Bestätigung des straffen Zeitplans der Regisseurin und Festspielleiterin bellt plötzlich ihr Pelz, während sie vor dem Theater an ihrer Zigarette zieht. Ein animalischer Klingelton, der zur Walküre, Hunding und Richards düsteren Mythen passt. Aber ihr Mitarbeiter greift einfach in Katharinas Manteltasche, beruhigt das Handy - und wird nicht gebissen. Nein, eine unnahbare Gralshüterin von Uropas Erbe ist die Regisseurin Katharina Wagner gewiss nicht.
