Ein Meister zieht den Hut
08.09.2010 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
LEONARD COHEN Dreistündiges Konzert des Songpoeten auf dem Bowling Green
Everybody knows - er singt seit fünf Jahrzehnten von Sehnsucht nach Liebe und ihrer Brüchigkeit, so rezitativ wie tief. Everybody knows . . . how Leonard Cohen goes. Und dann überrascht der kanadische Musikerpoet die vielen Tausend am Freitagabend auf dem Bowling Green dann doch - in der Distinguiertheit seines Auftritts, den Variationen in der musikalischen Aufbereitung der alten Ohrwürmer und dem formvollendeten Habitus eines Gentleman von nahezu 76, der keinen Augenblick in seinem mehr als dreistündigen Konzert nachlässt, Respekt zu bekunden. Gegenüber seinen Begleitmusikern und dem weiblichen Chor, gegenüber seinem Publikum und der Gelegenheit, in die Knie zu gehen vor der Aussagekraft von Text und Musik. Deshalb trägt Leonard Cohen Hut. Er will ihn ziehen.
16 Uhr: Klänge der Tonprobe erfüllen das Kurviertel.
18 Uhr: Eine Stadt sucht nach Park- und Sitzplätzen.
18.45 Uhr: Das Bowling Green ist dicht gefüllt und zwar von einem Publikum aller Generationen, vom Kind bis zum Ex-Ministerpräsidenten.
19.05 Uhr: Ein kleiner, schmaler, blasser Herr im Anzug, mit Lederkrawatte, Fedorahut und Zweitagebart steht auf der Bühne vorm Kurhaus. Leonard Cohen.
22 Uhr: „Hallelujah“ - die vielfach gecoverte Hymne will einen Schlusspunkt setzen.
22.45 Uhr: Jetzt erst ist der lange Zugabenabschied beendet. „Good night, my friends“. Leonard Cohen zieht seinen Hut zum letzten Mal.
Zwischen „Dance me to the end of love“ und „I tried to leave you“ hat er ein Repertoire aus den ganz alten elegischen Songs der 60er Jahre bis zu den aktuell bissigeren vorgelegt, und sein Programm klug strukturiert. Die eingängigen Erfolge rund um „Suzanne“ kommen erst nach der Pause, die reflektiven Poeme („Bird on the Wire“) immer im Wechsel mit Liebesleid auch auf flotterem Beat. Die Gebete trägt er rezitativ vor und kostet im Gesang eine ganze Grabestiefe im Bariton aus. Leonard Cohen klingt weicher, voller, wärmer denn je.
Gänsehaut-Gefühl
Die schnörkellose Konzentration und Intensität seiner Performance überträgt sich sofort. Gänsehaut-Gefühl. Ein knapp 76-Jähriger zeigt, was Zeitlosigkeit bedeuten könnte. Gerade weil die Schwermut der Vergangenheit neu arrangiert ist, ihr Tempo zwar noch langsamer, der Raum aber für solistische Zwischenspiele seiner Top-Begleitgruppe größer. Stellvertretend für die sechs Musiker sei Javier Mas mit seiner zwölfsaitigen Gitarre genannt, und Sharon Robinson ist als Ko-Texterin und -komponistin mehr als Background unter den Drei im Chorus. Vor ihnen allen verbeugt sich Leonard Cohen tief und wir mit ihm.
Der Präzision und den Preziosen angemessen bleibt die Lightshow des Abends zurückhaltend und die Bildregie immer dicht auf the master‘s face. Er selbst hält die Augen geschlossen oder richtet den Blick nach unten. Bewegung ist sparsam. Ein seltener Hüpfer, ein noch selteneres Aufstrahlen im Gesicht. Er hat etwas mitzuteilen von den Gefährdungen, Vergeblichkeiten und Unstimmigkeiten des Lebens. Man höre ihm einfach nur zu.
„So much chaos in the world“, dass man dran zugrunde gehen könnte - gäbe es nicht auch die Suche und Sehnsucht nach einer Vereinigung von Körper und Geist, die dieser Lyriker so melodiös beschwört, dass man stattdessen lieber in seiner Musik aufgehen möchte.
Große Geste
Leonard Cohen weiß es. Und ist deshalb auch ein Meister des Understatements. Kleine Anflüge von Selbstironie, große Geste im Kniefall auf der Bühne. „I hope, you‘re satisfied“. Beeindruckt bestätigender Beifall.
