Stolz auf den Feuer-Klang
30.06.2010 - WIESBADEN
Von Doris Kösterke
URAUFFÜHRUNG „Gilgamesch“-Komposition im Kleinen Haus des Staatstheaters
Das Kleine Haus des Staatstheaters bebte geradezu vor der freudigen Erregung auf der Bühne und im voll besetzten Zuschauerraum: Hier entsteht etwas, an dem viele Menschen innerlich teilhaben.
60 Hobby-Komponisten
Getragen von Staatstheater und vom Amt für Soziale Arbeit schreiben über hundert Menschen seit rund zweieinhalb Jahren an einer Wiesbadener Bürgeroper. Literarische Grundlage ist eine der ältesten Dichtungen überhaupt, der altbabylonische Gilgamesch-Mythos. Siebzig Menschen hatten an dem Libretto geschrieben, das im November vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Nun hatten sich rund 60 Hobbykomponisten jeden Alters sieben Monate lang wöchentlich im Seniorentreff Adlerstraße getroffen und gemeinsam eine insgesamt 168 Seiten starke Partitur erarbeitet. „Vor einem Jahr hätte ich noch nicht vorstellen können, dass wir das tatsächlich zustande bringen“, versicherte Initiatorin Priska Janssens glaubhaft. Viele der Komponisten auf Zeit konnten nach eigenen Angaben „nicht einmal Noten lesen“.
Dass ihre musikalischen Vorstellungen aufs Papier gelangten, besorgten die beiden Komponisten Ernst August Klötzke und Cornelius Hummel, unterstützt von einem Musikprogramm, das die Resultate inklusive Instrumentierung hörbar macht.
„Wir haben alle Ideen zu einem Lied zusammengesetzt und dann so lange verändert, bis es allen gefallen hat“, berichtete ein Viertklässler der Konrad-Duden-Schule. Die Grundschüler waren mit dem Vertonen der Vier Elemente betraut. Besonders stolz sind sie auf ihren Feuer-Klang mit richtig „knackenden“ Woodblocks. Alle hatten viel gelernt. Wie wichtig das genaue Hinhören ist auf die Geräusche des Alltags, zum Beispiel. Oder auf die Farben der Musikinstrumente. Oder auf das, was Musik mit welchen Mitteln ausdrückt und vor allem das, was auch der Tyrann Gilgermesch hatte lernen müssen: das Übernehmen von Verantwortung, für die Sache und für einander.
Gestaltbare Stadt
Sozialdezernent Arno Gossmann, der sich aktiv an diesem Projekt beteiligt hat, wünschte sich, dass auch diese Stadt in diesem Sinne als Gestaltbares erlebt würde, in dem unterschiedlichste Menschen in doppeltem Sinne „zusammen wachsen“.
Natürlich muss es in einer Oper auch große Gefühle in großen Arien geben. Von Ernst August Klötzke behende am Flügel begleitet, sang Bariton Reinhold Schreyer-Morlock einen kräftigen Gilgamesch, Tenor Erik Biegel einen mal rauflustigen, mal einen die Vernichtung des Zedernwaldes beklagenden Enkidu, Alma Delon eine schillernde Mutter Ninsun.
In sich überzeugend abgerundet war der Rachegesang der Liebesgöttin Ištar, komponiert und interpretiert von der Schulband der Waldorfschule.
Dass die Beteiligten sich in dem Projekt voll und ganz aufgehoben fühlen, zeigte der Auftritt nach dem Schlussapplaus, in dem Beteiligte sich bei den „Machern“ aufs Herzlichste bedankten. „Herr Intendant, Herr Sozialdezernent, hier war jeder Euro aufs Beste angelegt“, hieß es unter brausendem Beifall.
