Viel mehr als Vokalakrobatik
05.05.2010 - FRANKFURT
Von Axel Zibulski
KONZERT Ovationen für Edita Gruberova in der Alten Oper / Münchner Symphoniker unter Andriy Yurkevych
Ihre Fans haben sich ausgestattet: "Edita Leggenda" preist ein Banner, am Bühnenrang der Alten Oper Frankfurt ausgerollt. Da hat Edita Gruberova gerade ihre Zugabe aus Gaetano Donizettis "Linda di Chamounix" gesungen. Auch eine jener Belcanto-Nummern, wie sie die aus Bratislava stammende Sopranistin bevorzugt. An der Münchner Staatsoper, wo sie regelmäßig auftritt, passt man sogar den Spielplan an Gruberovas Vorliebe für Donizetti oder Bellini an; bei ihrem Arien-Abend in der Alten Oper Frankfurt wurde sie von den Münchner Symphonikern begleitet.
Vokale Wucht und Energie hat Gruberova nach wie vor. Gleich zwei der im 19. Jahrhundert so beliebten "Wahnsinns"-Arien hatte sie sich für ihren Frankfurter Auftritt vorgenommen. Fürs Ohr gleichwohl erfreulich: "Il dolce suono" aus Donizettis "Lucia di Lammermoor" war auch, aber eben nicht nur Vokalakrobatik in Gestalt von sicher platzierten Verzierungen und Spitzentönen, fein abgestimmt im intonatorisch gerne so heiklen Dialog mit der Solo-Flöte. Denn die Selbstverständlichkeit der technischen Ausführung ermöglicht Gruberova überdies das tönende Charakterportrait, eher reif, reflektiert, ehrlich und wissend als vordergründig debil und entrückt.
Die beunruhigte Seele
Nur vermeintlich naiv die Vokalisen in der Arie der Orphélie aus "Hamlet" von Ambroise Thomas, ebenfalls Zeugnis eines beunruhigenden Seelenzustands, Halluzinationen in Gruberovas breitem vokalen Farbspektrum, fast unmerklich die Registerüberblendungen, betörend ihr Legato. Nur Szene und Arie der Violetta aus Verdis erstem "Traviata"-Akt lagen für sie in einigen Ansätzen eine Spur zu tief.
Die Münchner Symphoniker wirkten von Gruberovas Energie spürbar angesteckt, spielten unter dem ukrainischen Dirigenten Andriy Yurkevych auch die orchestralen Episoden von Donizettis trommelverwirbelter Ouvertüre zur Oper "Die Regimentstochter" bis zu Ponchiellis lieblichem "Tanz der Stunden" solide bis mitreißend.
Im Zentrum freilich stand Gruberova, mit ihrer immer noch bravourösen Überformung des vokal Virtuosen ins Expressive, das auch dann besticht, wenn es weniger turbulent zugeht, etwa in Bellinis Elvira-Arie aus dem zweiten Akt der "Puritaner". Getragen wurde Gruberova dabei von nicht nachlassenden Ovationen. So lange mögen jüngere Sopran-Stars erst einmal auf dem Zenit bleiben, so lange wie Gruberova, die "Leggenda".
