Udo Jürgens gibt in Frankfurt Altbewährtes und macht mobil gegen zu viel Neues
22.02.2012
Von Peter Müller
Frankfurt. Vielleicht ist das einzig wirklich Diskutable an diesem Abend ein mit Rüschen verzierter Varieté-Vorhang, der zum obligatorischen Eröffnungsstück „Noch drei Minuten“ für Augenkrebs-Gefahr sorgt. Dann aber hebt sich der babyblaue Stoff endlich und „Der ganz normale Wahnsinn“ nimmt seinen Lauf, mit Blumengeschenken, Ovationen und allem, was ein alternativer Rosenmontag so braucht.
Unterhaltung mit Haltung
Udo Jürgens ist nach überstandenem Vaterschaftstest, schwerer Erkältung und vier zu Tournee-Beginn abgesagten Konzerten wieder in Bestform. Und er zelebriert in der seit Wochen ausverkauften Festhalle eine umjubelte Schlager-Show, die eindrucksvoll beweist, dass sich Haltung und Unterhaltung nicht ausschließen müssen. Mit munteren 77 hat sich der Grandseigneur nämlich noch mal entschieden, auf seinem aktuellen Album mobil zu machen gegen das, was ihm in der schönen neuen Internet-Welt, an der Politik und, mit Blick auf das große Thema „Mensch sein“, so alles auf den Keks geht.
Eine gute Stunde lang heißt es da genau hinhören, wenn er neben seinen entzückend emotionalen Songs über Liebe („Liebe lebt“) und Aufbruch („Gegen den Wind“) kantig-kräftig Stellung bezieht, gegen Anglizismen („Alles ist so easy“), den von Facebook, Twitter und Co. forcierten gläsernen Menschen („Du bist durchschaut“) oder im Titelsong, zu Bildern von Guttenberg und Gaddafi bis Winehouse und Wulff, eben den „ganz normalen Wahnsinn“ zwischen Klimawandel, Finanzkrisen, Container-Deppen oder „Schwermetall im Kabeljau“ geißelt. Vielleicht ein wenig Zuviel des Rundumschlages. Andererseits Udo Jürgens hat nicht mehr sonderlich viel Zeit zu verlieren. Er ist, und dessen scheint er sich sehr wohl bewusst, auf der Zielgeraden einer Karriere, die inzwischen unglaubliche fünf Jahrzehnte andauert. Und mehrere Generationen infiziert hat. Nicht wenige weibliche Fans, die ihm da glückselig ihre dornenfreien Rosen-Präsente entgegen recken, waren 1960, als er für Shirley Bassey den Welthit „Reach for the Stars“ komponierte, noch nicht mal auf der Welt. Udo, die Frauen, „Vielen Dank für die Blumen“ und „Gabi wartet im Park“ - ohnehin eine eigene Geschichte.
Lied für die Sehnsuchts-Fee
Dazu nur so viel: Zwischendrin besingt er mit „Die Frau, die ich nie traf“ doch tatsächlich, melancholisch kokettierend, eine Sehnsuchts-Fee, die ihm nicht über den Weg gelaufen sein soll. Aber gut, man muss sich auch im richtigen Leben Ziele setzen - vor allem, wenn man ein unbeirrbarer „Immer-weiter-Macher“ wie Jürgens ist. Nach ein wenig Werbung für den brüderlichen Künstler Manfred Bockelmann („Mein Bruder ist ein Maler“) und einer Überdosis Pathos in eigener Sache - via Leinwand flimmern die Bilder seiner verfilmten Biografie „Der Mann mit dem Fagott“ ins Rund, das Pepe-Lienhard-Orchester mit der famosen Violin-Solistin Asya Sorshneva kriegt sich vor lauter Opulenz kaum ein - schwenkt „Uns Udo“ dann in der zweiten Halbzeit in die von den Fans sehnlichst erwartete Party-Stimmung ein: „Ich war noch niemals in New York“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Aber bitte mit Sahne“ oder, lang ist´s her, „Mit 66 Jahren“ - diese Gassenhauer müssen einfach sein. Sie gehören zu einem Jürgens-Konzert wie die unvermeidliche Zugabe im weißen Bademantel - und die Erkenntnis, dass es, ach ja, wieder einmal besonders großartig war, mit Udo.
