Verirrt in einer Welt aus Zucker
08.03.2011 - FRANKFURT
Von Andreas Schermer
POP-MUSIK Katy Perry in der Jahrhunderthalle
Katy Perrys Show ist vor allem anderen eines: sehr „süß“. Die Bühne ist dekoriert mit übergroßen Zuckerstangen und Dauerlutschern. Bevor die Band in weißen Glamour-Anzügen aufspielt, wird in einem Video-Clip die Geschichte eingeleitet, die lose durchs Programm führt: Der Bösewicht ist ein Metzger, der Perry zum Schnitzelschneiden zwingt. Sie entkommt ihm und verliebt sich in den Konditorei-Verkäufer, der ihr einen Muffin schenkt. Im Traum folgt sie ihrer Katze aus der realen Schwarzweiß-Welt in ein farbiges Wunderland. Dann schreitet sie auf die Bühne als Ballerina mit rosa Bonbon-Tutu.
Rockig durchgestartet
Die 26-jährige Kalifornierin kann keiner süßen Versuchung widerstehen. Immer weiter verirrt sie sich in der Fantasiewelt - vor allem stilistisch. Denn Katy Perry ist ursprünglich mit ihrem Album „One of the Boys“ im Jahre 2008 rockig durchgestartet und hat sich damit auch Respekt eingeholt. Davon ist 2011 nicht mehr viel übrig. Ihr aktuelles Album „Teenage Dream“ ist weichgespülter Bubblegum-Pop, vorzugsweise mit einem aufmüpfig stampfenden Beat. Optisch und textlich werden sämtliche frühpubertären Klischees bis ins Letzte ausgereizt. Für die kleinen Mädchen gibt es Zucker-Pop bis zum abwinken, die größeren dürfen sich für den Konditor im Film oder die Ballett-Tänzer in pastellfarbenen Kostümen auf der Bühne interessieren. Dennoch macht sich Langeweile breit, und die Mehrheit des Publikums lässt sich auch nicht bei Laune halten, indem gelegentlich Bonbons in die Menge geworfen werden. Ob sie sich dessen bewusst ist, als sie die Frage stellt: „Kennt ihr das Gefühl, wenn man zu viele Süßigkeiten genascht hat? Danach geht’s einem so richtig schlecht.“ In der Tat: Man hat bald genug von ihrem quietschbunten Lollipop-Land. So sind denn auch mehr Kameradisplays als klatschende Hände über den Publikumsköpfen zu sehen.
Ein netter Effekt sind mit Rauch gefüllte Seifenblasen, die sich beim Zerplatzen in kleine Nebelgespenster auflösen. Glitterkanone und Riesenballons gehören längst zum Standard. Die Show des Neo-Pin-up-Popgirls ist auf solche optischen Effekte angewiesen. Denn die Schwächen in Perrys Stimme lassen sich nicht schönreden. Es ist oftmals ein ziemliches Geplärre, das zur Sicherheit im Background-Gesang dick eingebettet ist wie in Zuckerwatte.Der musikalische Anspruch ist recht weit zurückgenommen. „I kissed a girl“ wird zunächst künstlerisch frei als bluesiger Walzer gespielt. Rein akustisch dann die etwas ernsteren - O-Ton: „wirklich, wirklich, wirklich ernsten“ - Songs wie „The One that got away“ oder „Thinking Of You“.
Flucht statt Zugaben
Nach gut anderthalb Stunden heißen die letzten Zuckersteine „Hot N Cold“, „Firework“ und „California Gurls“. Ironischerweise verlassen viele Fans lieber fluchtartig die Halle, um dem Abreisestau zu entkommen, statt Zugaben zu fordern.
