Von Elke Flogaus
Wickerer Künstler Dieter Fricke erhält Kulturpreis des Deutschen Gehörlosen-Bundes
"Ich bin über den Preis unendlich glücklich", freute sich der gehörlose Künstler Dieter Fricke aus Wicker, nachdem ihm bei den 4. Deutschen Kulturtagen der Gehörlosen vor einer Woche in Köln der Kulturpreis des Deutschen Gehörlosen-Bundes überreicht wurde. Endlich bekam er für einen jahrelangen Kampf um Anerkennung der Gebärdensprache und um Annäherung der Welten von Gehörlosen und Hörenden eine herausragende Anerkennung, denn dieser Kulturpreis wird Persönlichkeiten verliehen, die sich um die Gehörlosenkunst in besonderer Weise verdient gemacht und für die Gemeinschaft der Gehörlosen und die Gebärdensprache engagiert haben. "Gehörlose leben auf einer Insel und Hörende auf dem Festland, ich habe den Mut, diese Grenzen zu überwinden", erklärt Fricke in temperamentvoller Gebärdensprache sein Anliegen, das nicht nur im bildreichen Vergleich, sondern auch in seinen ausdrucksstarken Bildern auf einmalige Weise zum Ausdruck kommt. Mit Ausstellungen in Hamburg, Dresden und München war der Wickerer Künstler bei den Kulturtagen der Gehörlosen seit 1993 vertreten. Nach Köln waren er und seine Frau Margit ausschließlich als Besucher gereist und hatten keine Ahnung, dass er vom Präsidium des Deutschen Gehörlosenbundes als einer von sechs Preisträgern ausgewählt worden war. Wie sehr ihm diese Auszeichnung Auftrieb gab, zeigen seine Schilderungen voller Impulsivität und Emotionalität über ein Leben als Gehörloser, so dass Dolmetscherin Roswitha Wagner ihn bei ihrer Übersetzung kaum bremsen kann. Dabei war sein Leben keineswegs nur von Erfolgen und Lebensfreude geprägt, denn schon als neunmonatiges Baby blieb er nach einer Hirnhautentzündung gehörlos. Sooft er sich als Kind mit Gebärdensprache verständigen wollte, schlug ihm sein Vater auf die Finger. Dennoch schaffte er den Realschulabschluss und die Ausbildung zum technischen Zeichner für Maschinenbau. Großen Halt fand er in seiner ebenfalls gehörlosen Ehefrau, die nicht nur wesentlich behüteter aufwuchs, sondern ihn in den 40 Jahren Ehe auch in allen Höhen und Tiefen begleitete und ihm immer wieder Mut machte, besonders bei seiner künstlerischen Karriere nach einem sechsjährigen Fernstudium an der Famous Artist School International. "Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt und wollte oft schon aufgeben", blickt der Künstler zurück, der in seinem Leben auch dank seiner Frau vieles verändert habe. Anfeindungen von gehörlosen Gleichbetroffenen waren dabei ebenso Enttäuschungen wie ein Bildgeschenk an die Stadt mit dem Motiv "Liebenswertes Flörsheim", das der damalige Bürgermeister Dieter Wolf auf dem Dachboden verschwinden ließ. Dann gab es auch wieder Aufbauendes, wie die Präsentation seines Flörsheim-Bildes im Sitzungssaal des Rathauses durch Nachfolger Ulrich Krebs und die Eröffnungsausstellung im Kunstforum Mainturm im Jahr 2001, aber auch Internationale Kontakte wie zu Amerikas ältester Universität für Gehörlose, der Gallaudert University in Washington, oder die Gruppe von Südkoreanern, die jetzt in Köln einen Film gedreht haben. Kummer bereite ihm nach wie vor die Isolation seiner gehörlosen Leidensgenossen und die Schwierigkeit, mit hörenden Mitmenschen den Kontakt zu pflegen. Doch das Ziel des 65-Jährigen, die "Sprache mit den Händen" auf künstlerische Weise voranzutreiben, für mehr Untertitel und Gebärdenübersetzer zum Beispiel im Fernsehen einzutreten und den Dialog zwischen Gehörlosen und Hörenden weiter zu fördern beziehungsweise Berührungsängste abzubauen, wird er niemals aus den Augen verlieren: "Ich wünsche mir hier noch mehr Gemeinschaft und Solidarität".
