Kunst für jede Lebenslage
10.01.2011 - NAUHEIM/WERTHEIM
Von Stephan A. Dudek
WERKÜBERSICHT Ein neues Buch erläutert die Arbeit des Bildhauers Ottmar Hörl zwischen 1978 und heute
Für kurze Zeit war Rüsselsheim Zentrum der Welt. 1997 fand in den Opelvillen unter dem Titel „Materialprüfung“ eine Werkschau des Künstlers Ottmar Hörl statt. Die Ausstellung gipfelte damals in einer eigens für diesen Anlass entwickelten Arbeit, „Rede an die Menschheit“. Darin formuliert Hörl seine Idee von der Ansprache eines „vernunftorientierten Systems über die Entwicklung der Welt“, das Internet stand gerade vor seinem großen Aufschwung. Teil der Rauminstallation war eine Landkarte mit einem gezeichneten Strahlenkranz. Dessen Ursprung: Rüsselsheim.
Erläuterungen als Interview
Jetzt erschien anlässlich des 60. Geburtstages von Ottmar Hörl ein Prachtbuch mit dem selben Titel, der das Schaffen des 1950 in Nauheim geborenen und heute in Wertheim lebenden Bildhauers zwischen 1978 und heute dokumentiert. Mehr noch: In knapper Wechselrede mit seinem Galeristen Christoph Maisenbacher erläutert Hörl Antrieb und Absicht seines künstlerischen Tuns. Dabei ist aus erster Hand zu erfahren, wie sich über die Jahre ein Werk aufgebaut hat, das sich bei aller Vielgestaltigkeit meist aus den im Schaffensprozess ergebenen Erfahrungen nährt.
So lässt sich nahtlos nachvollziehen, wie Hörl vom Umgang mit einfachen Baumaterialien wie Rundstahl und Wellpolyester zur Bearbeitung von architektonischen Problemstellungen als Mitglied der Gruppe „Formalhaut“ kam. Parallel dazu entwickelte sich seine Auffassung von der „Skulptur als Organisationsprinzip“, wie sie sich etwa in diversen Fotokonzepten, einem Linienflug von Hannover-Langenhagen nach Frankfurt oder sogar im Spiel einer Fußball-Mannschaft manifestierte.
„Familientreffen“ in Rüsselsheim
In diese Zeit fällt auch die serielle Skulptur „Familientreffen“ in Rüsselsheim. Hörl, der seine Jugend in der Opelstadt verbrachte, wollte 1992 mit den anfangs sechs, später sieben Stahl-Piktogrammen ein Sinnbild für die multikulturelle Gesellschaft hier zu Lande anbieten.
Wichtig war dem Bildhauer immer, eine unmittelbare künstlerische „Handschrift“ zu vermeiden. Das Potenzial eines vorgefundenen, vorzugsweise massenhaft hergestellten Gegenstandes zu erkennen und sichtbar zu machen - darin besteht die zentrale Absicht dieses Künstlers. So galten lange Zeit seine „Besenstücke“ als perfekter Ausdruck dieses Arbeitsprinzips: mehrere Kehrbesen aus dem Baumarkt auf einer Aluminiumplatte zu einer dreidimensionalen Parodie monochromer Malerei flächig zusammengefasst. Dem Publikum bleibt es überlassen, eigene Schlüsse zu ziehen, anstatt den kreativen Geboten eines Schöpfers zu folgen. Dahinter verbirgt sich eine zutiefst demokratische Haltung Hörls, der sich ausdrücklich als politischer Künstler versteht.
Selbstverständnis als politischer Künstler
Inzwischen wird Hörl meist mit seinen massenhaft in urbanen Räumen aufgestellten Plastik-Tierfiguren identifiziert, wenngleich das Buch auch Auskunft über zahlreiche gänzlich anders konzipierte Parallel-Projekte Auskunft gibt. Bären in Berlin, Eulen in Athen, Hasen in Nürnberg - und ganz spät auch Porträt-Büsten von Beuys, Wagner oder Rimbaud.
Vor allem macht dieses wunderbar konzipierte Bilderbuch deutlich, wie sehr Hörl versucht, mit seiner Arbeit auf gesellschaftliche Gegebenheiten zu reagieren: Die Euro-Skulptur vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt gehört wohl zu den meist fotografierten Kunst-Gegenständen in Mitteleuropa, und auf der Homepage des Künstlers ist die anlässlich der deutsch-deutschen Wiedervereinigung entwickelte Seife „Unschuld“ bereits für 15 Euro erhältlich. Mit dieser gänzlich unmusealen Verfügbarkeit sind Rahmenbedingungen geschaffen, die den Umgang mit Kunst für jedermann ermöglichen. Und dies ist für Hörl das wichtigste Anliegen überhaupt.
