Männer lachen über alles
01.06.2010 - RÜSSELSHEIM
Von Nadine Scherer
COMEDY Ingo Appelt im Rüsselsheimer Stadttheater
Witze über Geschlechterrollen sind in. Auch Ingo Appelt, der gerne mal unter die Gürtellinie zielt und trifft, hat sich mit seinem Buch „Männer muss man schlagen“ den mittlerweile abgegriffenen Klischees von kaufsüchtigen Frauen und männlichen Sitzpinklern gewidmet. Im nicht ausverkauften Stadttheater („Viele sind wohl zu Hause geblieben, weil sie lieber diese doofe Lena sehen wollen“) referierte Appelt vor johlendem Publikum über das „überflüssigste Geschlecht der Welt“ und hebt Frauen, nicht ohne einen ironischen Unterton, in den Himmel.
Die ersten Minuten der über zweistündigen teils geschmacklosen Verbalattacke kalauerte sich Appelt wie ein nie stillstehendes Maschinengewehr durch sein Programm. Männer, einst ein „testosterongesteuertes Sicherheitsproblem“, seien von der Frau in „G-Punkt-Pfadfinder“ verwandelt worden, die sich als „Aloe-vera-Kuschler“ aktiv durch die von den Frauen gewünschte Selbstironie an ihrer Selbstzerstörung beteiligten.
Dass Männer, wie Appelt betonte, über wirklich alles lachen, bewies der Komiker selbst, der tatsächlich über den Namen Rüsselsheim schmunzelte („Pornostadt“) und auf die Stadtteile Dicker Busch („Wer denkt sich so was aus?“) verwies.
Appelt, der das Wort „ficken“ salonfähig gemacht hatte, schäme sich heute als 43-jähriger Vater dreier Kinder dafür. Sagte er zumindest. Trotzdem kein Grund für ihn, das Wort nicht ständig zu wiederholen, auch im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche („Katholiken reimt sich auf…?“). Appelt nimmt eben kein Blatt vor den Mund. Subtil geht anders, aber dafür war Appelt noch nie bekannt.
Nicht nur im Privatleben, auch in der Politik seien Frauen unangreifbar. Beim zarten Kanzlerduell zwischen Merkel und Steinmeier habe er nur noch auf Kai Pflaume gewartet, so Appelt. „Frauen muss man respektieren. Wenn man bei Merkel anfängt, fällt der Rest gar nicht so schwer“.
Von der Politik wechselte Appelt ins Privatleben und trat wieder Klischees breit: Männer vergessen an Weihnachten die Geschenke, haben aber alle Fußballergebnisse von 1964 im Kopf.
Lustig wird Appelt, wenn er dank seines Talents als Stimmimitator Politiker wie Gerhard Schröder, Kollegen wie Dieter Nuhr („der George Clooney des Comedy“) und Michael Mittermeier oder Musiker wie Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer („präejakulativer Gesang“) parodiert. Blödelbarde Mario Barth, der Vater des stadionfüllenden Klischeewitzes, ist für Appelt nur noch ein Pantoffelheld („als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet“).
Die größte Geschmacklosigkeit hob sich Appelt jedoch bis zum Schluss auf: „Was ist blau und voller Titten? Ein Müllsack auf der Krebsstation“. Die Reaktion dürfte auf Appelts Tournee immer gleich gewesen sei: ungläubiges Schweigen, wenn überhaupt, verstörtes Lachen. Der abendliche Höhepunkt verbaler Entgleisung. Lena twelve points, Ingo zero.
