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SECHZIG90 Performance von Michael S. Riedel und Dennis Lösch auf der Studiobühne des Stadttheaters
André Domes
. Immer weiter spinnt sich das Netz aus Zeichenordnungen und nähert sich langsam dem Zustand einer kognitiv-medialen Ursuppe an, in der sich die Ausgangsinformation immer mehr im Übersetzungsgewurschtel verliert - sofern sie überhaupt jemals in einer Form existiert hat, die als Original zu bezeichnen wäre. Seit Michael S. Riedel, ehemaliger Rüsselsheimer Kulturstipendiat, und Kompagnon Dennis Lösch im Jahr 2000 mit ihrem Kopismus-Projekt "Oskar-von-Miller-Straße 16" begannen, kulturelle Ereignisse anhand von Aufnahmen im eigenen Projektraum wöchentlich erneut aufzulegen, wurde das Material immer wieder durch die Kopiermaschinerie gejagt: Vertonung, Inszenierung, Transkription der Inszenierung, Druck und so fort. Am Mittwochabend folgte mit einer Inszenierung im Stadttheater der nächste Schritt im Prozess des Originalitäts-Zerhackens.
Anja Stoffel und Thomas Friemel vom Rüsselsheimer Theaterprojekt "sechzig90" hatten sich die Buchdokumentation des Projektes zur Grundlage genommen, ihrerseits die schon jetzt unüberschaubare Serie an Duplizierungen fortzusetzen.
Dass die Übersetzung der Textvorlage in die Mittel des Theaters für die wenigen Besucher auf der Studiobühne nur schwer verständlich sein würde, war für die Regisseure unschwer abzusehen, weshalb man sich zu einer kurzen Einführung durch Schauspielerin Bianca Karger entschieden hatte.
Ähnlich dem, was Sensorik und Kognition nach der x-ten Runde "Stille Post" aus dem ursprünglichen Input machen, stellt sich auch das Material der Inszenierung, rund 40 Seiten des Textes "Anekdotengitter", als fragmentiertes Schichtwerk ohne wirklich erkennbaren inhaltlichen Zusammenhang dar - was den Umgang mit dem Werk im Grunde erleichtert, denn um den Inhalt des eine Stunde lang von Karger gelesenen "Oskar"-Auszuges ging es gar nicht. Vielmehr bot die imposante Kulisse mit allerlei Projektionsflächen, Utensilien und Requisiten eine mit Mitteln des Theaters materialisierte, also inszenierte Kopie des Textes. Die in ihm transkribierten Anekdoten waren als Artefakte rasterförmig, eben in einem "Anekdotengitter", angeordnet. Der Text erlebte damit eine doppelte Reinkarnation: als objekthafte Verkörperung und als akustisch wahrnehmbare Versprachlichung - die beide ganz sicher von einer der zahlreichen Kameras auf der Studiobühne aufgezeichnet wurden und für weitere Experimente zur Verfügung stehen.
Wessen Experimente das sein werden, ist allerdings die Frage, denn wer sich konsequent von der Originalität verabschieden will, der muss sich irgendwann auch selbst überflüssig machen. Den ersten Schritt dazu haben Riedel und Lösch mit der Weitergabe an "sechzig90" jedenfalls getan.
