MUSEUMSNACHT Gruppe "sechzig90" zeigt "Einreise ins Wirtschaftswunderland" / Musik von "Los 4 del Son"
(teg). Vor der Tür des Museums liegen kubanische Rhythmen á la Buena Vista Social Club über der regennassen Nacht, drinnen im Museum erfüllt das Schauspielertrio des Theaterensemble "sechzig90", bestehend aus Bianca Karger, Kai Beck und Holger Kraft, den Tempel aus Vergänglichen mit neuem Leben. Im Rahmen der langen Museumsnacht sind die altehrwürdigen Gemäuer mit dieser Mischung bis weit nach Mitternacht zum Mittelpunkt des kulturellen Treibens in der Opel-Stadt geworden.
Ein Hauch Leberwurstgeruch lag über den Exponaten im Eingangsbereich der aktuellen Ausstellung. Bianca Karger vom Rüsselsheim-Ensemble "sechzig90" hatte zu Beginn der interaktiven, unterhaltsamen Tour "Einreise in das Wirtschaftswunderland" dank kleinem Elektrokocher, Hefe, Griesbrei und ein paar würzenden Zutaten ihrem 35-köpfigen Publikum demonstriert, wie die vom Nahrungsmittelmangel betroffenen Menschen der Nachkriegszeit einen vegetarischen Leberwurstaufstrich kreierten. Mit ironisch konnotierten Liedern, herrlichen Kostümen und stets einem lockeren Spruch auf den Lippen, führten die drei Jung-Schauspieler durch die Ausstellung und spielten dabei nicht nur inmitten des nachgebauten Wohnzimmers der Nierentisch-Ära, sondern streiften dank Flipchart und eigens angefertigter Fotografien auch die durchaus an einigen Stellen fragwürdige Stadtentwicklung seit Kriegsende.
Derweil hatte draußen der kleine Schauerregen gegen 21 Uhr seine feuchten Spuren auf dem Pflaster hinterlassen. Die Feierwütigen hielt das jedoch vom Tanzen nicht im geringsten ab: Zum Teil mit Schirm bewaffnet, wurden die wenigen freien Meter direkt vor der Bühne für feurige Salsa-Einlagen genutzt, während "Los 4 del Son" mit ihrem kubanischen Sound zumindest imaginär die nass-warme Deutschlandnacht zu einer traumhaften Karibiknacht werden ließ. Innerhalb ihrer sechsmonatigen Tournee, die die Band - bestehend aus Beny an den Congas, Carlos an der spanischen Gitarre, Willy mit den Maracas-Rasseln und Emigdio am Keyboard - seit acht Jahren regelmäßig nach Deutschland führt, haben die Musiker aus Havanna auch Halt bei der langen Museumsnacht gemacht. Dabei verlieh die seit 14 Jahren bestehende Gruppe Hits wie "Chan Chan" oder "Bésame mucho" dank Spontan-Interpretationen und Instrumentalsoli einen eigenen Klang, was das Publikum nur noch mehr zum ausgelassenen Tanzen anfeuerte. "Es ist großartig, dass hier so viele Menschen aller Generationen miteinander feiern", freute sich Emigdio in einer kurzen Spielpause, bei der die gut 400 Gäste die Gelegenheit nutzten, die kubanische Stimmung mit Cocktails und karibischen Spezialitäten aus der Gastronomie von Peter Kolbs "Café in der Festung" abzurunden.
