Von Markus Jäger
Junges Ensemble Rüsselsheim präsentiert im Stadttheater das Skandalstück "Gerettet"
Es war gewiss keine leichte Kost, die den Zuschauern am Dienstagabend auf der ausverkauften Studiobühne im Stadttheater geboten wurde, und schon gar kein "Schenkelklopfer", eher ein Schlag in die Magengrube. Das "Junge Ensemble Rüsselsheim" präsentierte mit "Gerettet" (1965) ein Skandalstück des englischen Dramatikers Edward Bond, das zu seiner Zeit in England aufgrund expliziter Gewaltdarstellungen eine heftige Diskussion darüber auslöste, was auf der Bühne gezeigt werden darf und was nicht. Die jahrelange Debatte hatte letztlich die Abschaffung der staatlichen Theaterzensur in England zur Folge. Obwohl das Drama mittlerweile 44 Jahre alt ist, hat es in keinster Weise an Aktualität verloren. Im Zentrum des Stückes stehen die Jugendlichen Len (Maximilian Rausch), Pam (Anne-Kathrin Bucur) und Fred (Frédéric Brossier). Len verbringt eine Nacht mit Pam und fühlt sich ihr von da an verbunden und verpflichtet. Pam dagegen verliebt sich in den proligen Fred, der sie schwängert, das Kind aber nicht als Segen, sondern als reine Belastung ansieht und sich jeglicher Vaterpflichten entzieht. Lieber vergnügt er sich mit der hübschen Blondine Liz (Saskia Brabänder), anstatt sich mit seiner Rolle als Vater auseinander zu setzen. Trotz der kompromisslosen Zurückweisungen Freds hängt Pam an ihm und versucht, ihn für sich und das Kind zu gewinnen. Sogar nachdem Fred gemeinsam mit der Gang um Colin (Nils Neumann), Mike (Wahib Ech-Chad), Barry (Patrick Koch) und Pete (Daniel Kröhnert) das Kind zu Tode gesteinigt hat und dafür eine Gefängnisstrafe absitzen muss, hält sie zu ihm, in einer emotional völlig verkommenen und perspektivlosen Welt. Absolute Gefühlskälte und permanente Wutausbrüche beherrschen die 70-minütige, bewusst statisch gehaltene Inszenierung, die sich auf etwa ein Drittel der Textvorlage beschränkte. Einen Lichtblick hält das Drama, das Bond selbst einmal als "unverantwortlich optimistisch" bezeichnet hatte, in seiner Darstellung einer degenerierten Gesellschaft aber parat: die Figur der treuen Seele Len. Er weicht Pam nie von der Seite und repariert in der Schlussszene sogar einen kaputten Stuhl, den der eifersüchtige Haushalter Harry (Robert Hübner-Morgado) zertrat, nachdem er Len einer Affäre mit seiner Freundin Mary (Seda Yilmaz) bezichtigt hatte. Len als Verkörperung des letzten Funkens Menschlichkeit in einer trostlosen Welt. Eine Flötistin (Kelly Hack) sorgt zwischen den Szenen, die von Ioannis Kalaitzis und Yessim Loos ausgeleuchtet wurden, für ein kurzes Interludium. Einziges Manko der eindringlichen Vorstellung war die schlechte Akustik, die eine Reihe von Textpassagen nur schwer verständlich machte. Insgesamt zeigte sich Regisseur Till Kretzschmar aber mit der Leistung des elfköpfigen Ensembles sehr zufrieden - und das völlig zu Recht.
