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Lokale Kultur 

Rückblick Kultur 2012 in Rüsselsheim: Dem Diskurs eine Chance

31.12.2012 - RÜSSELSHEIM

„Der Fahrradunfall“, Steffen Jobsts Schwank über die familiären Anfänge des Opel-Werkes, hat bis heute zwei Wiederaufnahmen, insgesamt 15 Vorstellungen vor rund 4500 Zuschauern erlebt. Gleichzeitig scheint das Stadttheater wieder einmal zur Disposition zu stehen, selbst sein Abriss wird als Möglichkeit gehandelt. Doch darf man derlei Tatsachen ganz unterschiedlicher Dimension überhaupt miteinander vergleichen?

Man muss! Denn der Erfolg des einen begründet das Dilemma des anderen. Das Jobst-Stück nimmt die Rüsselsheimer in den Arm. Es ankert tief in unzähligen, eng mit Opel verbundenen Familiengeschichten. Und es parodiert unterhaltsam hiesige Wesensart. Jede der „Schon gesehen“-Aufführungen war ganz nah dran am Publikum.

Im Stadttheater ist das meist anders. Hier verbreitet sich kaum einmal so etwas wie Herzenswärme. Eine Flut von Veranstaltungen, die sich durch nichts begründen, ergießt sich im Jahresverlauf über die Menschen. Niemand spürt, dass er gemeint ist. Jeder weiß, dass es vor allem um das Funktionieren eines anonymen Apparates geht, begründet durch die pure Angst vor dem Einnahmeverlust.

Inhaltliche Führung fehlt

So fällt es schwer, sich mit ganzer Seele für den Bestand des Hauses einzusetzen. Selbst manche der Kreativen in der Stadt haben damit Schwierigkeiten, weil sie sich weder vertreten fühlen, noch das Programm vertreten können. Zwischen ihnen und dem Eigenbetrieb Bildung und Kultur (EBK) herrscht Frost. Derlei niedrige Betriebstemperatur stachelt die fatale Verlockung an, die ungeliebte Bürokratie auf Kosten der Spielfläche los werden zu wollen.

Dabei braucht die Stadt ihr Theater. Allerdings muss es schon bald ein anderes Theater sein, sonst kann ihm nicht mehr geholfen werden. Die Bühne muss kuratiert werden. Sie benötigt eine inhaltliche Führung, die Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Menschen nimmt. Arbeitswelt, Industrialisierung, Migration und eine ganz eigene, intensive Art der politischen Auseinandersetzung bezeichnen seit Jahrzehnten das unverwechselbare Themen-Tableau dieser Stadt; dazu eine Plattform für die teils hochkarätigen Leistungen der hiesigen Künstlerinnen und Künstler sowie deren Metiers - das reicht für ein verlockendes Qualitätsprogramm, mit dem die Stadt punkten kann.

Der EBK hat den Moment zur Neuausrichtung des Theater-Programmes verpasst. Dieser war erreicht, als die langjährigen Organisatoren der Abo-Ringe vor einigen Jahren fast gleichzeitig ihre Arbeit beendeten. Doch damals fehlte den Verantwortlichen der Mut zum radikalen Schwenk. Sie machten weiter wie zuvor und finden sich heute am Abgrund wieder. Nur noch ein Jahresprogramm wie das gegenwärtige - und es könnte das letzte sein!

Kommunikation tut Not

Jobsts Erfolg fußt auf einem Begriff: Kommunikation. Angefangen bei seinen satirisch verbrämten Pöbeleien über sein Theaterstück bis zu den beständigen Versuchen, die Köbel-Debatte am Leben zu erhalten, ist hier alles auf das Gespräch, den intellektuellen Austausch angelegt. Auf die städtischen Spitzengremien, im EBK, aber auch in der Politik, in der Stadtverwaltung wirkt dies alles wie Teufelszeug. Dort werden die Themen, egal, welcher Brisanz, lieber unter der Decke gehalten, anstatt Nutzen aus ihnen zu ziehen. Kaum einer redet. Niemand entscheidet. Niemand übernimmt Verantwortung.

Schlussbild eines Sensationserfolges: Steffen Jobsts Opel-Schwank „Der Fahrradunfall“ haben bis heute 4500 Zuschauer gesehen.
	
Archivfoto: Vollformat/Volker Dziemballa

Schlussbild eines Sensationserfolges: Steffen Jobsts Opel-Schwank „Der Fahrradunfall“ haben bis heute 4500 Zuschauer gesehen.

Archivfoto: Vollformat/Volker DziemballaVergrößern

FESTIVALVIELFALT
Bei den Schultheatertagen können sich Schülerinnen und Schüler wieder im Stadttheater beweisen.

Das Flörsheimer Open-Air geht zum 37. Male unter der Opelbrücke über die Bühne.

„Nada Surf“ ist der Headliner beim siebten „Phono Pop Festival“ im Opel-Altwerk, erstmals gibt es dabei mit dem Auftritt von Tino Hanekamp eine Autorenlesung.

Das „Trebur Open Air“ erlebt seine 20. Auflage mit dem Top-Act „Frittenbude“.

Das Fantasy-Festival bringt zum achten Male namhafte Autoren des Genres nach Flörsheim.

Die „Rüsselsheimer Lesewochen“ bringen einmal mehr Schriftsteller mit Schülerinnen und Schüler in Kontakt.

das Jazz-Jahr

Die Jazz-Fabrik feiert mit dem Funk-Saxophonisten Maceo Parker ihr 15-jähriges Bestehen und bringt im Jahresverlauf unter anderem William Parker, John Scofield und Dee Dee Bridgewater auf die Stadttheater-Bühne.

Die „IKS Swing Kids“ kehren mit der zweitbesten Bewertung vom Deutschen Orchester-Wettbewerb in Hildesheim zurück.

Die „hr Bigband“ und der Schlagzeuger Billy Cobham präsentieren einen Abend mit der Musik des „Mahavishnu Orchestra“.

Der Kultur-Förderstipendiat des Jahres 2011, Pavel Mozgovoy, stellt als Abschlussarbeit „Rüsselsheim tonal - musikalische Umrisse einer Stadt“ vor.

BÜHNE UND LEINWAND

Die Rüsselsheimer Tänzerin Silke Beck kommt mit ihrer „Compañia Flamenco Solera“ auf die Studiobühne des Stadttheaters.

Die hiesige Kreativengruppe „sechzig90“ präsentiert sich mehrmals - unter anderem mit dem „Handkäsgeflüster“ und dem Schauspiel „4 Wände“.

Das „Junge Ensemble“ bringt unter der Regie von Raphael Kassner „Kohlhaas“ auf die Bühne.

Opelaner und andere Rüsselsheimer richten dem vor zehn Jahren gestorbenen Frankfurter Kabarettisten Matthias Beltz einen Abend zur Erinnerung aus.

Die Theatergruppe „Schon gesehen“ unter der Leitung von Regine Schröder-Kracht bringt zunächst Max Frischs „Die Physiker“, später dann Steffen Jobsts Doku-Komödie „Der Fahrradunfall“ auf die Bühne.

Die Junge Philharmonie unter der Leitung von Steffen Bücher gestaltet im Stadttheater ein Programm aus Beethoven und Filmmusiken, später im Jahr treffen die Musiker im Kant-Gymnasium auf das „Orchestre d‘Harmonie d‘Evreux“.

Bei den „Rüsselsheimer Filmtagen“ gewinnt Fred R. Willitzkats „Ein Teller Suppe“ den mt 5000 Euro dotierten Publikumspreis.

Das Opel-Werksorchester erlebt während des „Kultur-Sommers“ seine Wiedergeburt.

Das Gesangsprojekt „KANTvokal“ des Immanuel-Kant-Gymnasiums gilt als „größtes Projekt seiner Art in Hessen“ und stellt sich im Wiesbadener Kurhaus vor.

Bariton Tae-Joong Yang begeistert bei der „Italienischen Nacht“ im Stadttheater.

Der Rüsselsheimer Filmemacher Alex Eslam gewinnt mit seinem Thriller „Bissige Hunde“ beim Filmfest in München einen mit 10 000 Euro dotierten Sonderpreis.

Tänzer Jörg Weinöhl aus Rüsselsheim wird für den Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Mit der Komponistin Isabel Mundry hatte er im Vorjahr die Produktion „Nicht-Ich - Über das Marionettentheater von Kleist“ im hiesigen Museum als deutsche Erstaufführung realisiert.

Das holländische Lichttheater „KlikKLak“ für Kinder wird mit dem Rüsselsheimer Tubisten Alexander Schappert im Stadttheater aufgeführt.

Die Flörsheimer „Gallus-Konzerte“ erhalten für ihr neues Programm einen Zuschuss von 40 000 Euro vom Kulturfonds RheinMain.

Alle fünf von Ronald Pelger geleiteten Chöre finden sich zu einem gemeinsamen Konzert im Stadttheater zusammen.

Die Aufführung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms in der St. Christophorus-Kirche wird vom plötzlichen Tod einer Chorsängerin überschattet.

Neue Bücher, DVDs und CDs

Das „Jazzgang Quartet“ veröffentlicht seine CD „Great American Songbook“.

Der Film „Die Mondverschwörung“ des Rüsselsheimer Regisseurs Thomas Frickel kommt auch als DVD auf den Markt.

Der Nauheimer Holzbläser Oliver Leicht stellt seine mit der „hr Bigband“ eingespielte CD „composed & arranged“ vor. Später im Jahr ist er an der CD „A Kit For Mending Thoughts“ der Sängerin Efrat Alony und dem Gitarristen Frank Wingold beteiligt, die er auch live im „Rind“ präsentiert.

Das „Bassface Swing Trio“ mit dem Nauheimer Schlagzeuger Florian Hermann veröffentlicht eine im Rüsselsheimer Stadttheater aufgenommene CD und stellt sie am Ort ihrer Entstehung live vor.

Der Rüsselsheimer Verlag „fritzclassics“ bringt den Bildband „Traumgaragen 2.0“ auf den Markt.

Philipp Gerschlauer, einstiger Saxophonist der „IKS Big Band“, veröffentlicht die erste CD seiner Band „Die Besaxung“.

Autorin Maria Knissel erzählt in ihrem Roman „Drei Worte auf einmal“ die Geschichte des Rüsselsheimer Saxophonisten Stephan Völker und seinem verstorbenen Bruder Klaus.

[re:jazz], die Band des Rüsselsheimer Pianisten Matthias Vogt, bringt mit „Kaleidoscope“ eine neue CD heraus, die im „Jazz-Fabrik“-Konzert ihre Weltpremiere feiert.

Bildende und angewandte KUNST

Das Flörsheimer „Kunstforum Mainturm“ feiert sein zehnjähriges Bestehen mit einem mehrteiligen „Szenenwechsel“.

Die in Rüsselsheimer aufgewachsenen Zwillingsbrüder Gert und Uwe Tobias bestreiten beim Kunstverein Hamburg eine große Werkschau.

Die Kultur-Förderstipendiatin der Stadt Rüsselsheim des Jahres 2010, Modedesignerin Corinna Dehn, zeigt als Abschlussarbeit Herrenmode im Ladengeschäft Marktstraße 32/34.

Der Raunheimer Künstler Hans Nauheimer wird 75 Jahre alt.

In der ersten Doppelausstellung der Opelvillen sind gleichzeitig „Ein Wald der Skulpturen - Sammlung Simon Spierer“ und „Andy Goldsworthy. Working With Time“ zu sehen. Später öffnet die Schau „Goyas Erben“.

Die Rüsselsheimer Zeichnerin Martina Alt-Schäfer zeigt im Flörsheimer „Kunstforum Mainturm“ gemeinsam mit Matthias Beckmann neue Arbeiten.

Dem Rüsselsheimer Kultur-Förderstipendiat des Jahres 1996, Michael Riedel, wird in der Frankfurter Kunsthalle Schirn eine „erste Retrospektive“ ausgerichtet.

Designer Steffen Jobst irritiert das Publikum durch eine nahezu originalgetreue Persiflage des Programmheftes zum „Kultur-Sommer“.

Kommunikationsdesigner Nikolas Brückmann erhält das Kultur-Förderstipendium 2012.

Die Malerin Inge Besgen, ihr Kollege Werner Neuwirth sowie Fotograf Frank Möllenberg organisieren in den Privaträumen der Künstlerin die „zeit.raum.galerie“ und präsentieren neue Arbeiten.

Zahlreiche Laien und Amateure öffnen ihre Arbeitsräume bei den „Tagen der offenen Ateliers“.

In der Reihe „illust_ratio“ präsentieren der Eigenbetrieb Bildung und Kultur sowie der Kunstverein Rüsselsheim zunächst Arbeiten von Mitgliedern der „Illustratoren-Organisation“ und dann eine Werkschau von Thomas Fuchs.

Inge Besgen bringt zum sechsten Mal ihre „Lebenslinien“ auf die Stadttheater-Bühne. Als Komponist wirkt diesmal der Darmstädter Toni Völker mit.

Die Rüsselsheimer Fotografin Claudia Wolf zeigt ihre Arbeiten im „Labor“ der Opelvillen.
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