Von Shirin Sojitrawalla
LESUNG Poetikdozentin Draesner im Literaturhaus
Ihre zweite Lesung während ihrer Zeit als Poetikdozentin in Wiesbaden musste verschoben werden, und so kam Ulrike Draesner erst jetzt ins Literaturhaus Villa Clementine, um mit der Sängerin Franziska Welti einige ihrer Gedichte zu präsentieren. "In einer Hand, die zittert, hältst du dich selbst" ist ihr Abend mit Stimmen, Gedichten und Improvisationen überschrieben. Vor wenigen Zuhörern trugen die beiden Texte aus 15 Jahren vor, aber keineswegs chronologisch, sondern nach Klang und Gutdünken ausgewählt. Den Auftakt macht "bahn übern bogen" über den Savignyplatz in Berlin aus dem Jahr 1995.
Konsonantenhaufen
Bevor Draesner das Gedicht ganz klassisch vorträgt, teilt sie sich mit Welti dessen Vokale und Konsonanten: Draesner formt a, e, i, o und u, während Welti Konsonantenhaufen ins Mikrofon pfeift und säuselt. Sprachmusik, bei der Sprache und Musik gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Doch das ist nur eine der Arten, wie die beiden mit Gedichten umgehen. Immer wieder finden sie neue Formen der Lautmalerei, mal singt und spielt Welti zu den Gedichten mit Tonleitern, dann wieder zerlegt sie einzelne Sätze und Worte und treibt sie in die Höhe. Besonders gut gelingt das Zusammenspiel an diesem Abend bei Draesners Gedichtzyklus über Bert Brecht und Ruth Berlau, die Welti mit einem Trauergesang untermalt, der den Schmerz des Exils verklanglicht.
Marokko-Zyklus
In "mühle" stimmen die beiden Künstlerinnen dann einen munteren Pas de Deux der Unentschlossenheit an, während sie in dem Gedicht "von grammatik" betörende Klanggebilde entstehen lassen, wobei sich die Schweizer Sängerin Welti, deren Repertoire sich vom Barock bis zum 21. Jahrhunderts erstreckt, in ihrem Vortrag immer eine Spur dramatischer erweist als Draesner. Letztere sprach auch von der Reimlosigkeit ihrer Gedichte, die sie umgeht, indem sie zwei Sprachen aufeinander reimt. Da tönt dann "mix" und "nix" nebeneinander oder "pet" und "nett".
Den Zyklus über Marokko aus Draesners Band "berührte orte" verdichtet Welti dann mit arabisch anmutendem Gesang. Zwischen den einzelnen Gedichten erzählt Draesner in ihrer gewohnt lockeren und aufgeräumten Art Wissenswertes zum Hintergrund und zur Entstehung ihrer Texte. Wie aus einzelnen Bildern ihrer Kindheit ein Gedicht entstehen kann oder was sie bewegt, einem bestimmten Ort ein Denkmal zu setzen. In diesen Momenten war sie dann ganz in der Rolle der Poetikdozentin, die erklärt, wie Literatur entsteht.
