Eine Liebe in Briefen
27.08.2010 - WIESBADEN
Von Birgitta Lamparth
LITERATURHAUS Saisonauftakt mit Shaw-Abend am 4. September
Sie waren ein ganz besonderes Paar - und waren es doch nie wirklich. George Bernhard Shaw und Stella Patrick Campbell. 40 Jahre überspannt ihre vermutlich platonische Leidenschaft. Hunderte von Briefen dokumentieren ihre intensive Verbundenheit ebenso wie ihren Kampf um- und miteinander. Eine außergewöhnliche Lesung zum Saisonauftakt des Wiesbadener Literaturhauses lässt die beiden konträren Charaktere nächste Woche Samstag, 4. September, zu Wort kommen.
„Er war ein intellektueller Gigant, egozentrisch und extrem im Kopf zu Hause. Und sie eine Bauchschauspielerin, die als Witwe zwei Kinder durchbringen musste, einfach gestrickt, aber mit ihren Mitteln in der Lage, ihm Paroli zu bieten.“ Iris Gerath-Prein hat sich mit der Beziehung zwischen den beiden Menschen aus der Theaterszene intensiv auseinandergesetzt - schon bei der Vorbereitung zum Musical „My Fair Lady“, das sie sehr erfolgreich am Staatstheater Wiesbaden inszeniert hat. Damals entstand die Idee, flankierend ein Programm diesen Briefen zu widmen - schließlich spiegelt sich vieles aus der Beziehung Shaw/Campbell in der von Professor Higgins und Eliza Doolittle wider. Und da lag es nahe, mit dem Darsteller des Higgins auf der Wiesbadener Bühne, Dirk Schäfer, dieses Programm ebenfalls zu erarbeiten, das nach der Premiere im Literaturhaus auch noch andernorts präsentiert werden soll.
Zu dem berühmten Briefwechsel gibt es ein Bühnenstück aus den 50er Jahren, „aber das war uns zu betulich“, erzählt Iris Gerath-Prein. Sie wollten die von ihnen ausgewählten und so auch ohne Überleitungen funktionierenden Texte authentischer und direkter vermitteln - lautmalerisch unterstützt von zwei Jazzmusikern der hr-Bigband, die musikalisch das Gelesene kommentieren.
Und das hat es in sich: „Das ist sprachlich, zeithistorisch und zwischenmenschlich ungeheuer spannend“, macht Iris Gerath-Prein auf den Abend gespannt. Von 1899 bis 1939 schlagen die Briefe den Bogen der Beziehung zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen, die sich bis zur Selbstaufgabe mit dem anderen auseinandersetzten und der Nachwelt die Möglichkeit gegeben haben, in ihren Alltag einzutauchen.
Als sie sich kennenlernten, war er ein aufstrebender Autor und sie der gefeierte Bühnenstar. Zimperlich war Shaw trotzdem nicht gerade mit ihr. Wie er überhaupt „hinter ihr herpolterte“, wenn sie sich von ihm abzuwenden drohte - obwohl er selbst reich verheiratet war. Ein Grund dafür, warum er Lebzeiten eine Veröffentlichung der Briefe ablehnte.
Briefe, die seine Sprachgewalt auf der einen Seite zeigen, die ihr eigene Poesie in schlechter Orthografie auf der anderen. Und ganz viel Liebe. „Für beide war es eine große Leidenschaft“, ist sich Iris Gerath-Prein sicher. Und auch, wenn sich niemand traue, eine Aussage zu treffen: „Wir glauben, dass sie nicht ganz platonisch war.“ Tiere kommen in den oft auch ironischen Briefen häufig als Metaphern vor. Daher auch der Jagdleopard: So nennt Shaw Stella Campbell. Iris Gerath-Prein: „Sie ist das wilde Tier, dass er niemals erlegen wird - aber er hat es einmal gestreichelt.“
