Kleine Perlen aus New York
11.05.2010 - MAINZ
Von Christopher Scholz
LITERATURFESTIVAL Phoebe Kreutz und Brandstifter zum Abschluss in der Walpodenakademie
Und die kleinen Perlen sind doch die schönsten. Der vorläufige Abschluss des Literaturfestivals (im September ist ja noch der große Georg Kreisler zu Gast) weckt konzeptionelle Wünsche für eine Neuauflage 2011: Ein bisschen Massenware, ein paar Zugpferde, vor allem aber bitte viele eigenwillige Kleinode wie dieses am Sonntag in der Walpoden-akademie.
Es war ein schöner Zufall, dass die wunderbare Phoebe Kreutz gerade jetzt auf Deutschland-Tour ist. Es hat nichts damit zu tun, dass der Mainzer Künstler Brandstifter als Schloss-Balmoral-Stipendiat vor kurzem in New York war, wo die Anti-Folk-Künstlerin herkommt und wo er mit dem Lautpoeten Dirk Huelstrunk das Programm „Antibodies/Antikörper“ entwickelte - passend war es dennoch.
In der Cut-up-Manier nach Borroughs hat Huelstrunk aus medizinischen Werken zwei Dutzend kurze Texte geschaffen, die um thematisch verwandte Illustrationen von Brandstifter ergänzt, in dem Buch „Antikörper“ (beim Lichtblau-Verlag) erschienen sind, das nebenbei prompt in die MoMa-Sammlung Eingang fand. Lesend, singend, proklamierend trugen die beiden die Texte in einer improvisierten, aber dramaturgisch mitreißenden Performance samt Beats vom Band und schräger Geräuschkulisse vor, mal wie schamanische Beschwörungsformeln, mal wie politische Pamphlete.
Von diesem herrlich penetranten Widersinn beeindruckt zeigte sich auch Phoebe Kreutz, die zugab, noch nie nach einem solchen „opening act“ gespielt zu haben. Der Kontrast zur Singer-Songwriterin, die auch Songs für TV-Shows schreibt und als Puppenbeauftragte der „Sesame Street“ den Emmy bekam, könnte kaum größer sein: Auf dieser Tour von Trompeter Matt Colbourn sowie Gitarrist (und Produzent ihres letzten Albums) Casey Holford begleitet, bietet sie eingängige, akustische Folkmelodien, dazu eine hübsche Stimme, die souverän jegliche Perfektion ablehnt - und insbesondere entzückende Texte, die witzig-melancholische Geschichten erzählen und einen herzerfrischenden Humor und Charme offenbaren.
„Eine Sprachinfektion ist hoch ansteckend und schwer zu behandeln“, heißt es bei Huelstrunk und Brandstifter. Bleibt zu hoffen, dass die Festivalplaner, Literaturbüro Mainz und Gonzo Verlag, für die Zukunft mit vielen „Antikörpern“ dieser Art aufwarten können.
