"Vielleicht kochen wir auch"
21.04.2010 - WIESBADEN
INTERVIEW Horst Eckert vor seinem Aufenthalt als Krimi-Stipendiat in Wiesbaden
Zum zweiten Mal sind im Mai Krimi-Stipendiaten/innen im Wiesbadener Literaturhaus zu Gast: Anni Bürkl, Regula Venske und Horst Eckert. Vor ihrem öffentlichen Empfang am 4. Mai spricht Krimi-Autor Horst Eckert über seine Erwartungen für den Aufenthalt - und die Vergabe des Friedrich-Glauser-Preises, denn sein neuer Roman ist nominiert.
Herr Eckert, im Mai wohnen und arbeiten Sie als Wiesbadener Krimi-Stipendiat im Literaturhaus der Stadt. Warum wird ein gestandener Krimi-Autor und mehrfacher Preisträger wie Sie freiwillig wieder zum Stipendiaten?
Ganz einfach: Ich bin käuflich. Und mir gefällt Wiesbaden und die Idee, einen Monat lang als Teil eines mörderischen Autorentrios das Literaturhaus unsicher zu machen. Ich freue mich auf die Stadt und das Publikum.
Das Wiesbadener Stipendium betrifft auch Ihre Kolleginnen Regula Venske und Anni Bürkl. Kennen Sie die Mitglieder Ihrer künftigen Wohngemeinschaft?
Regula kenne und schätze ich, Anni werde ich kennenlernen.
Was können drei Krimi-Autor/innen miteinander bereden und unternehmen?
Als Schreiber bin ich ein notorischer Einzeltäter. Da tut etwas Austausch mal ganz gut. Ich freue mich schon auf eine gemeinsame Flasche Wein und viele Gespräche. Aber die müssen sich nicht nur um Literatur drehen. Vielleicht kochen wir auch zu dritt.
Kennen Sie die Stadt Wiesbaden? Was erwarten Sie von ihr?
Ich hatte einmal eine Lesung hier und die Zeit, einen Nachmittag lang durch die Stadt zu wandern. Das Flair gefiel mir sehr. Und ich freue mich auch darauf, zwei Wiesbadener Kollegen wieder zu treffen, Richard Lifka und Alexander Pfeiffer.
Die Krimi-Stipendiaten sind während ihres Wiesbaden-Aufenthalts gebeten, einen Kurzkrimi mit Lokalkolorit zu schreiben. Haben Sie dafür schon eine Fährten-Idee?
Noch nicht. Aber Wiesbaden ist Landeshauptstadt. Vielleicht gehe ich mit meiner Story in die Politik, mal sehen.
Ihr neuer Roman "Sprengkraft" ist für den Friedrich-Glausner-Preis nominiert, den Sie 2001 schon einmal bekommen haben. An wen würden Sie selbst ihn diesmal vergeben?
An den Verfasser von "Sprengkraft". Ein genialer Thriller über Islamisten und Islamgegner, über Populisten auf Stimmenfang und Polizisten auf Mörderjagd. Muss man gelesen haben! Wer war noch mal der Autor?
Sie schreiben auch als Kolumnist für Focus-Online. Wie wichtig sind die neuen elektronischen Medien für einen Autor geworden?
Wenn man es nicht in die Printausgabe schafft, sind eben die elektronischen Medien wichtig . . . Im Ernst: Für meine Recherchen könnte ich auf das Internet nicht mehr verzichten.
Sie haben vor Ihrem Schriftsteller-Beruf lange als Journalist gearbeitet. Inwiefern hat Sie diese Tätigkeit zum Krimi-/Thriller-Schreiben verführt?
Vielleicht war ich es leid, die Welt zu beschreiben, und wollte sie endlich selbst erfinden. Aber ich war sehr gern Journalist und glaube, dass es eher das Lesen war, das mich zum Schreiben verführt hat.
Was kann ein Krimi - über seinen speziellen Fall hinaus - für Leserschaft aufdecken?
Alles, was Literatur kann: Horizonte öffnen, den Blick auf andere und sich selbst schärfen, Vorurteile überdenken helfen. Und im besten Fall tun Krimis das spannender und unterhaltsamer als andere Arten von Literatur. Ein guter Krimi ist weit mehr als die Suche nach dem Täter.
Das Gespräch führte Viola Bolduan.
