Christian Krachts Kolonial-Roman „Imperium“ und der Vorwurf des Rassismus
21.02.2012
Von Jens Frederiksen
MAINZ. So schrille Misstöne, hervorgerufen durch ein so virtuos erzähltes Buch! Christian Kracht (45), seit seinem Erstling „Faserland“ aus dem Jahre 1995 einer der bewunderten Autoren der Gegenwart, hat mit seinem neuen Roman „Imperium“ die Geschichte eines Zivilisationsflüchtlings aus der Zeit um 1900 geschrieben - und damit eine giftige Debatte ausgelöst.
Der Roman blendet zurück in die Zeit, als das Deutsche Reich sich als Kolonialmacht gerierte. Kracht taucht im Erzählstil jener Jahre, in einem wunderbar umständlichen, die Worte wie funkelnde Schmuckstücke nebeneinander stellenden Deutsch in die Epoche der gezierten Pflanzer-Gesellschaften und noblen Schiffspassagen ein und nähert sich so dem befremdlichen Leben eines Aussteigers, den es tatsächlich gegeben hat - eines wunderlichen Heiligen namens August Engelhardt, der, Vegetarier, Sonnenanbeter und Nudist, im Jahre 1902 auf einer Südseeinsel in Deutsch Neuguinea unter Kokospalmen sein privates Paradies zu realisieren versuchte.
„Türsteher rechter Gedanken“?
Im „Spiegel“ nun wird Kracht ohne Umschweife unterstellt, er mache sich den Zivilisationsüberdruss seines schrulligen Helden distanzlos zu eigen. Als Beleg gelten dem Rezensenten freilich eher Briefzitate aus der Entstehungszeit des Romans, kaum je Formulierungen aus diesem selbst. Trotzdem hält der Schreiber unbeirrt an seinem Fazit fest, der schmale Band sei „durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht“. Und seinen Autor erhebt er gar zum „Türsteher der rechten Gedanken“. Starker Tobak.
Eine wortmächtige Fraktion von Künstlerkollegen Krachts wiederum, allen voran Elfriede Jelinek, sieht in der „Spiegel“-Besprechung die Grenze zwischen Kritik und Denunziation schamlos überschritten und fürchtet nun um die Kunstfreiheit. Hauen und Stechen. Doch was hat Christian Kracht eigentlich verbrochen?
Krachts August Engelhardt ist ein anpassungsunwilliger Franke, der gegen die Bedrängnisse der Kaiserzeit sein Heil in legerer Kleidung sucht - und in einer aberwitzigen Ernährung fast ausschließlich aus Kokosnüssen. Kracht beschreibt diesen Spleen als Rückkehr in „die exquisiteste Barbarei“, erklärt derlei Absonderlichkeiten auch mit der Abneigung seines Helden gegen eine „von innen heraus verfaulende Gesellschaft“. „Antimodernismus“ lautet postwendend der Vorwurf gegen den Autor - dabei beschreibt er doch lediglich, was in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unzählige Mitteleuropäer bewegte und was eben auch seinen spinnerten Helden in die Südsee trieb.
Der ironische Abstand des Erzählers zu seiner Hauptfigur dokumentiert sich dabei am schönsten in kleinen Abschweifungen, die den späteren Fortgang der Weltgeschichte nonchalant in den Erzählfluss einsenken. Als etwa der Kokosnuss-Vegetarier Engelhardt bei einem München-Aufenthalt an der Feldherrnhalle vorbeispaziert, erlaubt sich Autor Kracht den Hinweis auf einen anderen „kleinen Vegetarier“ mit „absurder schwarzer Zahnbürste unter der Nase“, der „nur ein paar kurze Jährchen später“ eine „tragende Rolle im großen Finsternistheater“ spielen werde.
Keine Gleichsetzung des fanatischen Einzelgängers Engelhardt mit dem Massenmörder Hitler, natürlich nicht. Aber doch ein Fingerzeig, wie ähnlich der Weg zweier grundverschiedener Erlösungsbesessener beginnen kann. Und das soll ein Indiz dafür sein, dass der Erzähler ein verkappter Rechter sei? Unsinn! Krachts „Imperium“ ist nicht nur nicht rechts - es ist ein fesselndes Stück Prosa, das mehr verdient hat als eine Debatte auf diesem Niveau.
