Bastian Sick über Discounter-Deutsch und Lieblings-Unwörter - bald in Mainz
28.01.2012 - MAINZ
Aber die Computersprache ist schon sehr dominant ...
Meine Mutter ist 72 und macht jetzt einen Computerkurs. Ich finde das ganz großartig, weiß aber, dass sie mit Frustrationen zu kämpfen haben wird. Selbst ich, der ich mit diesem Medium groß geworden bin - meine Kolumne „Zwiebelfisch“ ist ja eine Schöpfung aus dem Internet - verzweifle fast jeden Tag an der Technik, vor allem an den vielen Neuerungen. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, gibt es ein Update, und alles ist wieder anders.
Sie haben vor ein paar Jahren in Köln die „größte Deutschstunde der Welt“ abgehalten. Sind die Leute bessere Muttersprachler, wenn Sie Ihre Show verlassen?
Die Menschen, die zu mir kommen, sind ohnehin schon sehr beschlagen, was die deutsche Sprache betrifft. Aber bei mir kann trotzdem jeder noch etwas Neues lernen. Zum Beispiel, dass es das Wort „wohlgesonnen“ gar nicht gibt.
Das heißt, ich kann Ihnen gar nicht wohlgesonnen sein?
Nein, aber dafür „wohlgesinnt“. So wie man auch „freundlich gesinnt“, „feindlich gesinnt“ und „anders gesinnt“ sein kann. Zwei Menschen gleicher Gesinnung sind schließlich keine Gleichgesonnenen. Das ist einleuchtend, und so geht mein Publikum mit manchem Aha-Erlebnis nach Hause.
Haben Sie ein Lieblings-Unwort?
Ein Wort, das mich in letzter Zeit sehr irritiert hat, ist „abgeholt“. In der Sendung „The Voice of Germany“ sagt Nena etwas in der Art wie: „Tessa, zum Anfang warst du noch nicht so stark, aber nachher hast du mich total abgeholt.“ Sie meint damit, Tessa habe sie berührt. Es klingt wie Jugendjargon, kann es aber nicht sein, weil Nena keine Jugendliche mehr ist. Sie könnte meine bedeutend ältere Schwester sein. Sich mit solchen sprachlichen Mitteln bei der Jugend anzubiedern, ist so peinlich wie Botox spritzen oder sich als Seniorin in einen Minirock zu zwängen.
Das Gespräch führte Michael Jacobs.
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