Bastian Sick über Discounter-Deutsch und Lieblings-Unwörter - bald in Mainz
28.01.2012 - MAINZ
Seit dem Erfolg seiner „Zwiebelfisch“-Internetkolumne und den Bestsellern „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ gilt Bastian Sick als der Deutschlehrer der Nation. Mit seinem neuen Live-Programm „Nur aus Jux und Tolleranz“ ist er am Samstag, 4. Februar, 20 Uhr, zu Gast im Frankfurter Hof in Mainz.
Herr Sick, über welchen Sprachfrevel sind Sie zuletzt gestolpert?
Es gibt eine gute Nachricht von „Saturn“: Die haben sich von der armseligen und enervierenden Parole „Geiz ist geil“ verabschiedet. Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: Der neue Slogan ist auch nicht besser: „So muss Technik“ lautet er. Das ist eine ziemlich plumpe Anbiederung an die verkürzte Sprache der jugendlichen Unterschicht. Menschen wie mein Freund Henry und ich sind gezwungen, Kameras und DVDs weiterhin im Internet zu bestellen, um nicht auf offener Straße mit einer „So muss Technik“-Plastiktüte erwischt zu werden. Denn dann müssten wir uns der Frage stellen: Und wie muss Deutsch?
Wo finden Sie all die Stilblüten und Sprachsünden?
Inzwischen habe ich tausende Augen, die mich bei der Suche unterstützen. Überall in Deutschland und auch in Urlaubsländern sind meine Leser mit ihrer Kamera unterwegs und dokumentieren lustige Fälle von sprachlichen Entgleisungen. Neulich habe ich zum Beispiel ein Foto zugeschickt bekommen, auf dem der Bau von „barrierefreundlichen Wohnungen“ angekündigt wurde. Entweder ist etwas „behindertenfreundlich“ oder „barrierefrei“, hier wurde offenbar für Hindernisliebhaber gebaut.
Kennzeichnend für den aktuellen Sprachwandel, den viele mit Sprachverfall gleichsetzen, sind nicht in erster Linie die Anglizismen oder die Kurzsätze der Jugendsprache, sondern eine generelle Entprofessionalisierung überall dort, wo mit Sprache gearbeitet wird. Solche Entscheidungen sind eigentlich Fehlentscheidungen. Aber so ist nun mal unser System: Profit ist wichtiger als Qualität.
Werden die neuen Kommunikationskanäle die Sprache verändern? Thomas Mann‘sche Schachtelsätze wären bei Twitter chancenlos.
Einen Hang zur Verkürzung hat es ja immer schon gegeben. Sprachökonomie ist kein Indiz für kulturelle Rückentwicklung. Die neuen Techniken führen immerhin dazu, dass wir mehr schreiben als je zuvor in der Kulturgeschichte. Dadurch kommt natürlich auch viel Unfug in den Umlauf. Es wird der Sache aber nicht gerecht, das Internet generell zu verteufeln. Es kommt darauf an, wie man es nutzt.
E-Book, Handy, iPhone, Apps ... Ist eine Teilnahme an der modernen Massenkommunikation ohne Englisch überhaupt noch möglich - oder sollte man mehr Mut zum Eindeutschen haben?
Diesen Mut haben eine ganze Menge Menschen! Es gibt beispielsweise die Aktion „Lebendiges Deutsch“, die jeden Monat einen knackigen deutschen Begriff für eine englische Vorgabe sucht. Dabei sind schon ganz wunderbare Wörter gefunden worden, so wie „Prallkissen“ für „Airbag“ oder „Klapprechner“ für „Laptop“. Wenn man das englische „Laptop“ buchstäblich übersetzt, heißt es „Schoßaufsatz“. Da ist „Klapprechner“ doch die zutreffendere Beschreibung.
