Schriftsteller Uwe Timm erhält Carl Zuckmayer-Medaille in Mainz
20.01.2012 - MAINZ
Von Michael Jacobs
Von „Der Erfindung der Currywurst“ zu einem sanft von der Decke schwebenden Fässchen 2009er Nackeneimer „Rothenberg Riesling“: Besser kann ein am sprießenden Nährboden der Realität geschulter Dichter kaum entlohnt werden. Doch für Uwe Timm, der im Mainzer Staatstheater die Carl Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz entgegennimmt, ist Rebensaft in seinem Roman „Rot“ auch eine Chiffre für die Revolte der Studenten, die irgendwann in die Ernüchterung mündet - auch wenn ein desillusionierter Alt-68er den Bordeaux literweise aus dem Suppenteller schlürft.
Tiefe Menschlichkeit
Uwe Timm sei wie Zuckmayer ein scharfer Beobachter seiner Zeit und Gesellschaft, der viel zum Verständnis der Nachkriegsgesellschaft beigetragen habe, würdigt Ministerpräsident Kurt Beck den 71-jährigen gebürtigen Hanseaten, der nicht für eine kleine Minderheit von Intellektuellen schreibe, sondern im besten Sinne des Wortes mit Büchern höchster Qualität ein Bestseller-Autor sei. Timms autobiographische Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“, die als Erinnerungspuzzle dem Schicksal von Karl-Heinz Timm nachspürt, der mit 18 Jahren in die SS-Totenkopfdivision eintritt, beide Beine verliert und 1943 in der Ukraine stirbt, sei von tiefer Menschlichkeit getragen, von dem Bemühen zu verstehen, ohne zu richten - „ein Appell für die Aufrechterhaltung einer Erinnerungskultur“.
In seiner launigen, mit vielen Anekdoten gespickten Laudatio, versucht der italienische Germanistik-Professor und Timm-Übersetzer Matteo Galli den verspäteten literarischen Erfolg seines Freundes und Kochkameraden zu ergründen. Mit der Regierung Schröder und der rotgrünen Koalition Ende der 1990er Jahre sei auch die Aufarbeitung der APO-Zeit in den Fokus gerückt - für Uwe Timm ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit dem Zeitgeschichts-Panorama „Rot“ habe er die „Historiographie der 68er Generation“ geschrieben, und auch das übrige Werk zeichne sich durch stupende Konkretheit in der Darstellung von Geschichte und Gegenwart aus. Der Büchner-Preis sei deshalb längst überfällig, meint Galli, nicht nur wegen Timms „hartnäckigem Beharren auf dem Utopischen“.
Neues Denken gefordert
Uwe Timm, in dessen Münchner Arbeitszimmer neben der Lutherbibel immer noch eine kleine Marx-Büste thront, nimmt seinen Weggefährten denn auch beim Wort und versetzt seine Dankesrede mit einem gehörigen Schuss Kapitalismuskritik. Anlehnend an Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, jener Tragikomödie über das deutsche Wesen, in der das Militärische die Gesellschaft bis in die Sprechweise dominiert, schlägt er die Brücke zur aktuellen Herrschaft der Ökonomie über den Menschen.
Wie früher das Militär habe heute die Autorität des freien Marktes alle Lebensbereiche erfasst. Eine Parallelgesellschaft sei entstanden, in der eine Minderheit von zehn Prozent der Bevölkerung Zwiedrittel des Gesamtvermögens besitze. Die wachsende Politikverdrossenheit und die Gefahr substantiellen Demokratieverlustes resultiere aus der bestimmenden Macht der Wirtschaft über die demokratischen Parteien, die ihre Unabhängigkeit verloren hätten. „Warum dulden wir die Zerstörung öffentlicher Institutionen bei wachsenden Gewinnen in wenigen privaten Händen?“ Nicht dass der Geehrte hier gleich Tiefrot sähe. Er wolle keine Neiddiskussion, sagt Uwe Timm, „aber ein neues Denken über Gerechtigkeit und Zumutbarkeiten in der Gesellschaft“.
Sprach‘s und schreitet denn auch gleich zur kollektiven Güterteilung: „Das Fässchen Wein wird nicht allein geleert“.
