Ein Mann, ein Name: Ein Wörterbuch
13.09.2011 - WIESBADEN
Von Viola Bolduan
SYMPOSION Zum 100. Todestag Konrad Dudens
Es könnte auch ein Wörterbuch sein, das die neue Kunstfigur vor dem Literaturhaus an der Wilhelmstraße in der Hand hält. Dann aber läse sie nicht, sondern prüfte korrekte Rechtschreibung nach. Und wonach? Natürlich noch immer maßgeblich nach den Regeln, die im Duden stehen. Duden ist ein Wörterbuch, und Konrad Duden der Mann, der ihm seinen Namen gab. Am 1. August vor 100 Jahren ist er in Sonnenberg gestorben, am Samstag veranstaltete die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) im Literaturhaus ein Symposion zu seinem Gedenken. Eine kleine biografische Ausstellung empfängt im Foyer; fünf Redebeiträge stehen auf dem Programm. Zur besonderen Ehre gehört die Anwesenheit von Enkelin Annemarie Wüstenberg, die ganz bescheiden zuhört (sofern es Lautstärken, später das Mikro erlauben).
Problematische Reform 1996
Das Publikum im Saal erfährt Einführendes, Biografisches und Problematisches. Wer war dieser Mann (1829-1911), wie verläuft die Geschichte der von ihm begründeten einheitlichen deutschen Rechtschreibung und welche Zukunft wird sie haben?
Die Diskussion um die 1996er-Reform klingt verhalten an - dass wir laut neuestem Duden von 2009 „Orthographie“ nicht mehr mit „ph“ wie zu Dudens Zeiten, sondern mit „f“ (Orthografie) schreiben, akzeptiert mittlerweile rund ein Drittel der Bevölkerung, und die Gewöhnung wird wachsen, sieht der Leiter der Dudenredaktion Werner Scholze-Stubenrecht voraus. Gleichwohl - Konrad Duden wäre „ernüchtert“, so schätzte er ein, wüsste er, wie mit seiner Lehre umgegangen wird.
Freilich war er auch kompromissbereiter Realist, wie ihn Anke Goldberg, Lehrerin an der Konrad-Duden-Schule in Bad Hersfeld (Dudens Wirkungsort 1876-1905) und Dudenbiografin porträtiert. „Heiter, gesellig, weltmännisch“: ein Lehrer aus Berufung, „beliebt und beflissen“, für Disziplin sorgend, aber auch nicht abgeneigt einer Schneeballschlacht mit seinen Schülern. Nach fast 50 privaten und staatlichen Schuldienstjahren geht er 76-jährig in den Ruhestand. Vorbildhaft? - Jedenfalls folgt dann er dem Vorbild vieler Pensionäre und lässt sich in der Nähe Wiesbadens, Sonnenberg (später Wiesbadener Stadtteil), nieder.
Anlass, dass auch Oberbürgermeister Helmut Müller persönlich begrüßt, stolz ist auf das veranstaltende „sprachliche Kompetenzzentrum“ der GfdS in Wiesbaden. Und da der orthografische Grundsatz Dudens „Schreibe, wie du sprichst“ auch für Behördensprache gelten soll, läuft die entsprechende Kooperation zwischen Stadt und Sprachgesellschaft „mit Erfolg“.
Und welchen Erfolg verzeichnen „schnapp, knarr, mfg“ - Laute also, die nicht mehr flektieren, oder Abkürzungen für Eingeweihte? Professor Peter Schlobinski, Experte der neuen Mediensprache an der Uni Hannover, verfolgt sprechsprachliche Entwicklungen in Chats und beim Simsen, beurteilt sie nach ihren Funktionen und räumt ihnen „keine Chance“ ein, die Standardsprache und damit die Dudens zu verdrängen.
Das Werk eines „erfahren kühnen Mannes aus dem Volk“, wie GfdS-Vorsitzender Armin Burkhardt den Nachnamen Duden etymologisch ableitet. Den Vornamen Konrad hat er erst später vorangestellt - denn: „Duden war kein Mensch, sondern ein Wörterbuch.“
Das GfdS-Symposion hat beides informativ und anschaulich zusammengesetzt.
