Campus: Frühschicht für den Glauben - Was tun Hochschulgemeinden für ihre Studierenden?
25.01.2012 - MAINZ
Von Marcel Friederich
Dienstagmorgen, die Zeiger stehen auf Punkt sieben Uhr. Manche Studenten kommen erst jetzt von nächtlichen Partys nach Hause - nicht aber Thorsten Müller. Der 24-Jährige hat sich früh morgens den Wecker gestellt, um rechtzeitig in der Evangelischen Studierendengemeinde Mainz (ESG) zu sein. Thorsten läuft schnurstracks in Richtung ESG-Kirche, wo sich jeden Dienstag bis zu zehn Studenten zur „Frühschicht“ treffen.
In der Kirche angekommen erwartet den Studenten der helle Schein von 30 angezündeten Kerzen; ansonsten ist es dunkel. In dieser stimmungsvollen Atmosphäre wird eine 20-minütige Andacht gehalten, inklusive geistlicher Lieder und einer Lesung aus der Bibel. Danach gibt es ein gemeinsames Frühstück. „Dank der ‚Frühschicht‘ geht man gestärkt in den Unialltag“, findet der angehende Lehrer. „Ich bin definitiv viel energiegeladener und konzentrierter bei der Sache, wenn ich morgens hier war.“
Nicht nur Andacht, auch Film-, Karaoke- oder Kneipenabend
Auch Miriam Schubert besucht regelmäßig die „Frühschicht“ in der ESG. „Die Andachten helfen mir sehr und geben mir Input für den restlichen Tag“, sagt die 23-Jährige und ergänzt: „Hier empfinde ich eine Freundlichkeit, die ich ansonsten im Unialltag leider vermisse.“ Freundlichkeit - ein gutes Stichwort für Annette Kassing, wenn sie über den Sinn und Zweck ihrer Gemeinde berichtet. Die Studierendenpfarrerin sagt: „Wir wollen der Menschenfreundlichkeit Gottes Raum geben. Dies tun wir auf vielfältige Weise.“
Einerseits durch Andachten, Gottesdienste und psychologische Betreuungen, andererseits aber auch durch Film-, Karaoke- oder Kneipenabende. Sogar eine eigene Bar wird von Studenten, die der ESG nahestehen, unter der Woche betrieben. Besonders beliebt sind die Gospelmessen, zu denen regelmäßig rund 50 Studenten kommen. Und darüber hinaus bietet die Studierendengemeinde auf ihrem Gelände ein Wohnheim mit 145 Plätzen.
„Viele Studenten sind überrascht, dass es uns von der ESG überhaupt gibt, wenn sie unseren Infostand bei der Erstsemesterbegrüßung sehen“, erzählt Kassing schmunzelnd. Meistens gebe es jedoch positives Feedback, „sobald die Studenten sehen, dass wir ein so vielfältiges Programm anbieten“. Neben Kassing gibt es mit Erich Ackermann und Dagmar Sydow zwei weitere Studierendenpfarrer, Kassing und Sydow sind ausschließlich für die ESG zuständig; Ackermann betreut daneben noch eine weitere Gemeinde.
Filmgottesdienst ist beliebtes Angebot
Uni und Kirche - was auf den ersten Blick eher gegensätzlich erscheint, wird dank der Hochschulgemeinden zusammengeführt. Steigender Stress und Leistungsdruck durch das Bachelorstudium erhöhten sogar den Bedarf, ein wenig Ruhe und Geborgenheit zu finden, beobachten die Verantwortlichen. Dafür sei bei der ESG genau der richtige Ort, findet Ackermann: „Wir hatten erst Angst, dass gar keine Bachelorstudenten mehr zu uns kommen, weil alle nur noch pauken müssen und keine Zeit mehr haben.“ Doch eher das Gegenteil sei eingetreten, erzählt er. „Vor lauter Stress und Konkurrenzdruck geht das Menschliche im Bachelorstudium leider sehr schnell drauf. Deshalb ist es schön zu sehen, dass Bachelorstudenten immer wieder den Weg zu uns finden.“
