Von Muttersöhnchen und Grüblern
06.09.2010 - FLÖRSHEIM
Von Nadine Scherer
MUSIKKABARETT „Erogene Klimazonen“ deckt Eigenheit den Männerwelt rund um den Globus auf
Es ist Karneval in Venedig, eine Frau sitzt in einer Gondel. Plötzlich lüftet der Fremde neben ihr seine Maske, streut der Dame Rosenblätter ins Dekolleté und beginnt dann lispelnd ein Streitgespräch mit dem italienischen Gondoliere über Real Madrid. Frau ahnt, es geht um Fußball. Welcher Verführer sitzt neben ihr?
Spanische Muttersöhnchen, leidenschaftliche Russen und grübelnde Deutsche - mit ihrem Programm „Erogene Klimazonen“ gastierten Olga Lomenko und Dimitrij Sacharow im „Flörsheimer Keller“. Den etwa 40 Zuschauern versprach das Duo ein „aufklärendes Musikkabarett“, dessen Rahmenhandlung ein „Internationaler Kongress der Sexualkunde“ bildete. Einer Domina gleich marschierte die gebürtige Kosakin Olga Lomenko mit Stöckelschuhen, strenger Frisur, Brille, Rock und enger Bluse auf die Bühne, gefolgt von ihrem Assistenten Sacharow und spielt augenzwinkernd mit so manchem Klischee. Hier der alles fotografierende und überall seine Schuhe ausziehende Japaner, dort der prüde US-Amerikaner im Simpsons-T-Shirt, der trotz der hohen Zahl der Fettleibigen im Land auf Platz zwei bei der Häufigkeit des vollzogenen Geschlechtsverkehrs liegt. „Amerika ist sexy, Amerika ist prüde“, lautete das Urteil von Lomenko, die den Bogen vom Orient, wo die Frau einst gleichberechtigt war, über die spanischen, größtenteils noch bei ihrer Mama wohnenden Machos schlägt. Es dauerte jedoch, bis der Funke übersprang. Die Stärken des Programms lagen eindeutig in den mehrsprachigen und stimmgewaltigen Gesangseinlagen von Lomenko auf Japanisch, Russisch, Arabisch oder Spanisch. Ryuichi Sakamotos „Forbidden Colours“ aus dem Film „Merry Christmas Mr. Lawrence” gehörte ebenso zu den musikalischen Höhepunkten wie „Liebe ist alles“ der Band „Rosenstolz“, das sich an die Beschreibung deutscher Liebhaber anschloss. Während Schüler hierzulande mit größtmöglicher Präzision die weiblichen Geschlechtsteile beschreiben könnten, ginge dem deutschen Mann alle Spontaneität verloren. „Ihn quälen Fragen und die Angst vor dem Korb“, so Lomenko. Das Sexualverhalten sei von Grimmschen Märchen geprägt: Der Mann agiert als tapferes Schneiderlein ohne Persönlichkeit, aber pfiffig, während die Frau entweder irgendwo eingesperrt oder eine böse Schwiegermutter ist. Kläglicher erscheint da der Russe, der erst im Bett zum Kosake wird. Sonst ist er ganz „Gentleman“ und hilft der Frau in ihren Pelz, damit sie draußen Schnee schippen kann. Die Hand der Frau küsst der Russe nur aus einem Grund: damit sie die Wodkafahne nicht riecht.
