Geschichte näher gebracht
10.03.2010 - FLÖRSHEIM
STAUFFENBERG-GYMNASIUM Rainer Eppelmann erzählt Schülern vom Mauerfall
(elf). Der Studientag der Gymnasialen Oberstufe beschäftigte sich gestern mit dem Thema "20 Jahre Mauerfall und Wiedervereinigung". Dazu konnte der Leiter des Graf Stauffenberg Gymnasiums, Klaus Hartwich, als prominenten Zeitzeugen Rainer Eppelmann begrüßen, der als Jugendpfarrer in Ostberlin und Bürgerrechtler die kirchlichen Friedens- und Menschenrechtsgruppen initiierte und so zur "Friedlichen Revolution" beitrug.
"Er bringt Euch ein Stück Geschichte näher, die Ihr gar nicht miterlebt habt", wandte sich der Schulleiter an die rund 200 Oberstufenschüler in der Aula und stellte den Referenten kurz vor, der als Wehrdienstverweigerer acht Monate in einem DDR-Gefängnis saß, als evangelischer Pfarrer wirkte und nach dem Mauerfall CDU-Politiker wurde. Eindrücklich schilderte der 67-Jährige mit leichtem Berliner Slang das Leben in dem so genannten Arbeiter- und Bauernstaat, von der blutigen Niederschlagung des Volksaufstands 1953, von der "Uniformität des Denkens" und den Bürgern, die aus Angst zu "Flüsterern" geworden waren.
"Ihr Glück ist, dass sie nur die Demokratie kennen", rief er den Jugendlichen zu und nannte unzählige Beispiele, wie das Leben in einer Diktatur sich auf jeden Einzelnen auswirkt. Er machte deutlich, dass die vier Millionen Menschen, die aus der DDR flüchteten, das im Bewusstsein getan haben, dass sie nie mehr zurück können, sprach von Tausend Toten an der Mauer, die offiziell "antifaschistischer Schutzwall" genannt wurde, und von Tausenden, die als Republikflüchtlinge in Gefängnissen saßen.
"Die Selbstbefreiung der DDR-Bürger konnte nur von ihnen selbst ausgehen", ging er auf die Montagsdemonstrationen ein, bei denen geschätzte 70000 Menschen schließlich am 9. Oktober 1989 ein enormes Risiko eingingen. Erschreckend fand Eppelmann, dass bei einer Befragung von 16- bis 18-Jährigen in ganz Deutschland ein Drittel nicht den wichtigsten Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie erklären konnten und nannte es "blanke Ahnungslosigkeit" von denen, die bald wählen dürfen. Bei seiner Frage in den Saal, "wer kennt Erich Honecker" fand er mit nur wenigen Meldungen seine Aussage bestätigt.
Dabei waren die Schüler auf das Thema vorbereitet worden und hatten zuvor einen Dokumentarfilm über den Mauerfall und die Zustände davor und danach gesehen. In einer lebhaften Fragerunde nach dem Vortrag interessierten sich die jugendlichen Zuhörer für den Gefängnisaufenthalt, die persönliche Angst, aber auch die Einschätzung Eppelmanns über den Wiedervereinigungsprozess und die heutige Lage in den neuen Bundesländern.
