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Kirche - mehr als ein Klub Gleichgesinnter

11.05.2011 - MAINZ, STADT

MAINZER BISCHOF Von Glaube und Glaubwürdigkeit - Kardinal Lehmann fordert Amtsbrüder auf, im Gespräch mit Politik und Gesellschaft zu bleiben





Herr Kardinal, Sie stammen aus Sigmaringen. Kurz vor Ihrem 75. Geburtstag macht ein zweiter Sigmaringer Karriere: Winfried Kretschmann wird in Baden-Württemberg Deutschlands erster „grüner“ Ministerpräsident...

Ja, ich werde ihm wohl am 12. Mai gratulieren, wenn er gewählt ist. Wir hatten Kontakt, als ich in Freiburg an der Universität war, von 1971 bis 1983, und auch noch telefonisch in den ersten Jahren, nachdem ich Bischof in Mainz geworden war. Kretschmann hat mir immer wieder erklärt, dass die Grünen in Baden-Württemberg eine eigene Richtung haben: ‚Es ist viel davon die Rede, dass viele Grüne aus evangelischen Pfarrhäusern kommen‘, hat er gesagt, ‚aber vergessen Sie nicht, dass wir auch viele katholische Christen haben, die eine aktive Rolle in der Partei spielen‘ und sich dazu gezählt. In Freiburg ist er ja im Pastoralrat des Erzbistums. Das ist schon ein wichtiges Gremium, wo man bei entscheidenden Fragen mitreden kann.



Die Grünen punkten mit wertkonservativen Themen. Woher rührt die Glaubwürdigkeitskrise der ehemaligen Volksparteien SPD und CDU?

Sie sind vielleicht einfach müde geworden im jahrelangen Regieren. Jetzt sind sie gefordert, sich eine neue programmatische Grundlage zu schaffen.

Natürlich tragen auch die Grünen noch erhebliche Widersprüche in sich, ihre Landesverbände haben eine sehr unterschiedliche Herkunft. Das habe ich schon als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gemerkt, als ich die Gespräche mit den Grünen in Gang gebracht habe. Zentrales Thema war der Lebensschutz, da haben wir kontrovers diskutiert, aber es waren auch immer offene und ungeheuchelte Gespräche.

Kretschmann war ein geeigneter Mann, um breites Vertrauen bei bürgerlichen Schichten zu gewinnen. Was er geschafft hat in Baden-Württemberg, ist eine einmalige Sache. Ob das singulär bleibt oder Auswirkungen hat auf die gesamte deutsche Politik, muss man sehen.



Stuttgart 21 oder Atomausstieg: Wann ist ein Politiker glaubwürdig? Wenn er seinen Standpunkt beibehält, obwohl er merkt, er kommt bei der Bevölkerung nicht an, oder wenn er seine Position ändert?

Politik braucht eine grundsätzliche Programmatik, die Grundziele und Menschenbild darlegt. Das ist in den letzten Jahrzehnten in allen Parteien wässriger geworden durch die geradezu widersprüchliche Pluralität der Gesellschaft, die es schwierig macht, eine Volkspartei mit einem substanziellen Wertekonsens aufzustellen.

Natürlich braucht man in der Politik auch Bündnispartner. Das schleift in der Praxis einiges von der Programmatik ab. Daher sagen manche Leute: Politik ist ein ruchloses Geschäft. Ich habe immer dagegen gehalten und tue das noch heute.

Die eigentliche Frage ist: Wie kann man vor dem Abgleiten bewahrt werden, an der Macht um der Macht willen festzuhalten? Und darüber darf sich niemand erhaben dünken: Macht gibt es ja nicht nur in der Politik, sondern auch in der privaten Sphäre. Hoheit zu gewinnen über andere, ist ein menschliches Phänomen. Alles in allem ist es schwierig geworden, in der ungeheuren Pluralität der Gesellschaft überhaupt eine tragbare Mitte zu finden. Und das ist nicht nur eine politische, sondern auch eine geistig-spirituelle Frage.



Auch die katholische Kirche hat eine Glaubwürdigkeitskrise. Auslöser war der Missbrauchsskandal. Wie sieht die Bilanz der Aufarbeitung im Bistum Mainz aus?

Endgültige Zahlen haben wir noch nicht. Es geht ja um einen langen Zeitraum, und es geht um ganz unterschiedliche Menschen: Priester, Laien oder Ordensleute. Natürlich ist jeder Fall einer zu viel. Wir gehen jeder bekannt gewordenen Verfehlung nach, und wir haben den Opfern Hilfe zugesagt. In diesen Tagen haben wir auch eine Verordnung über Prävention veröffentlicht, um noch sensibler möglichen Anfängen zu wehren.

Ich füge hinzu, was nicht als Ausflucht gemeint ist: Missbrauch ist ein gesellschaftliches Phänomen. Der Präsident des Kinderschutzbundes redet von 80 000 bis 120 000 Fällen pro Jahr in Familien. Sportverbände gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Wir haben jeden Tag 13 000 Schüler in unseren Schulen, 8500 Kinder in Kindergärten, 1300 Jugendliche in Jugendeinrichtungen.

Wir finden großes Vertrauen bei den Eltern, weil Tausende Mitarbeiter hervorragende Arbeit leisten. Umso größer ist der Schock, welchen Schaden wenige einzelne gegenüber der Kirche angerichtet haben. Es ist ein Krebsschaden ungeheuren Ausmaßes. Wir sind auch verletzlich, weil wir hier und in anderen Bereichen hohe Forderungen stellen und große Maßstäbe anlegen.



Sehen Sie eigene Fehler bei der Aufarbeitung?

Man hat früher um das Ausmaß der Pädophilie zu wenig gewusst. Man hat gedacht, wenn jemand für ein Vergehen zur Verantwortung gezogen wird, kann er umkehren und eine neue Chance bekommen.

Ich bin vor 20 Jahren von einer amerikanischen Ordensschwester, einer ausgebildeten Psychiaterin, aufgeschreckt worden, die gesagt hat, die Täter werden bis zuletzt alles leugnen, diese Leute sind nicht umkehrfähig. Sie werden rückfällig, deshalb dürfen sie nicht mehr in die Seelsorge und nicht dorthin, wo Kinder sind. Ich war schockiert über die Brutalität dieser Aussage, aber ich habe mich seit 2002, als wir auch im Bistum einen schweren Fall hatten, daran orientiert und in der Bischofskonferenz im Herbst 2002 entsprechende Richtlinien veranlasst, die sich nicht wesentlich von den jetzigen unterscheiden.



Wenn der Missbrauchsskandal der Auslöser für die Kirchen-Krise war, so liegen die Ursachen nach Ansicht von über 100 Theologie-Professoren tiefer. In einem Memorandum fordern sie die demokratische Beteiligung der Gläubigen, das Ende des Pflichtzölibats und die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt. Was davon können Sie unterschreiben?

Ich habe durchaus Verständnis, dass es zu dieser Erklärung gekommen ist, weil viele sich herausgefordert sehen durch die genannten Fragen.Ich habe in den 70er Jahren ja selbst so manche Erklärung initiiert oder mitunterschrieben. Ich habe aber immer Wert darauf gelegt, an den Formulierungen mitwirken zu können. Inhaltlich finde ich manches schwammig. Was zum Beispiel heißt Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt: Diakonat oder Priestertum? Auch muss man sehen: Viele dieser Forderungen sind in der evangelischen Kirche erfüllt, und trotzdem konnte dies auch dort eine innere Erosion nicht verhindern. Das ist ein Zeichen, dass wir auch nach anderen Perspektiven suchen müssen.



Welche sind dies?

Ich habe kein Allheilmittel. Ich kann nur sagen, wenn wir das, was wir jeden Tag als Kirche tun, gut machen, dann werden wir wieder Vertrauen gewinnen. Es ist ja auch nicht so, dass es an Mitarbeitern in der Pastoral fehlt. Wir hatten noch nie so viele Leute im Bistum,1000 insgesamt, davon 350 aktive Priester, dazu Pastoralreferenten, Gemeindereferenten und Diakone. Den Engpass gibt es bei den Eucharistiefeiern, die ja nur die Priester halten dürfen, aber da muss man sich fragen, ob es so ein großes Angebot geben muss, ob es nicht sinnvoller ist, die Zahl der Messen zu konzentrieren. Ich komme gerade von einer Gemeinde, wo man statt wie bisher sechs jetzt vier Eucharistiefeiern pro Wochenende feiert - es gab eine hohe Zustimmung zu dieser neuen Regelung. Die Gottesdienste sind voll. So müssen wir nach vielen Wegen suchen, um Engpässe zu bewältigen.

Aber wenn man sich anschaut, dass derzeit nur elf Priesteramtskandidaten im Mainzer Seminar sind, dürften selbst dafür bald die Geistlichen fehlen....

Deprimierende Zahlen von Berufungen gab es schon früher. Ich halte die Entwicklung nicht für unumkehrbar. Natürlich spielt der Zölibat eine Rolle. Ich vermag nicht zu sagen, ob wir auf Dauer noch genug Menschen mit dem Charisma der Ehelosigkeit finden.

Und auch ich frage mich: Warum sagen wir zu wenig, dass wir in unserer Kirche - nämlich in den katholischen Ostkirchen - auch verheiratete Priester haben? Da gibt es Tausende in Osteuropa. Es gibt neue Fragen und bewährte Einrichtungen. Wir brauchen beides.

Es gibt eine Unbeweglichkeit in der Kirche, aber auch einen Anpassungsdruck. Wir müssen unterscheiden lernen. Bestimmte Dinge können wir freilich höchstens diskutieren, es liegt in einer Weltkirche nicht allein in unserer Hand, ob sie umgesetzt werden. Wir können uns jedoch dafür einsetzen.

Beim Zögern, Priester zu werden, ist aber ganz gewiss nicht nur der Zölibat eine Schwierigkeit, sondern auch die innere Notwendigkeit, sich ein ganzes Leben lang der Kirche zu verschreiben, von der man nicht weiß, wohin sie sich entwickelt. Mir liegt daran, dass man den Wandel nüchtern sieht: Es gibt weniger Mittel, man muss mehr Flagge zeigen, man kann es auch drastischer sagen, wie es Karl Rahner formuliert hat: der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, oder er wird keiner mehr sein. Er muss persönlich stärker verwurzelt sein im Glauben, darf das öffentliche Bekenntnis zum Glauben auch in der Öffentlichkeit nicht scheuen.



Ihre jüngeren Amtsbrüder zeigen Flagge, aber sie suchen weniger den Dialog...

Ich halte die jüngeren Kollegen nicht für schlechter, als wir älteren es sind. Jeder braucht Zeit, um zu lernen, auch den Umgang mit den Medien. Meine Generation war geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das ist heute nicht mehr so der Fall. Als Theologe sage ich, was schon lange vor dem Konzil als Wahrheit erkannt worden ist: Ecclesia semper reformanda, Kirche muss sich stets erneuern. Die Erneuerung bezieht sich auch auf den Gläubigen, der ja leben muss, wozu er sich bekannt hat. Da fällt so manches Mitläufertum weg. Es ist zuerst Erneuerung von innen und aus dem Glauben, die freilich auch sichtbar und tätig wird.

Trotzdem dürfen wir das Selbstverständnis, Volkskirche zu sein, nicht aufgeben, auch wenn wir zahlenmäßig weniger sind. Wir müssen fähig sein, unseren Beitrag zu leisten für die Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Und deshalb müssen wir wissen, wie die Leute leben. Wenn man nur noch bestimmte Schichten erreicht, wird man zu einem Klub von Gleichgesinnten. Das ist zu wenig, das darf nicht sein. Auch ein Bischof muss außerhalb von Kirche gehen: Die geistige Präsenz der Kirche in der gesamten Gesellschaft ist lebenswichtig. Wir laden alle in unsere Gemeinschaft ein.



Waren Sie froh, noch weiter im Amt zu bleiben, um diesen Anspruch zu erfüllen?

Ich bin für jeden Tag dankbar, an dem ich meinen Aufgaben nachgehen kann. Trotzdem habe ich ein Problem mit dieser Rücktrittsregelung. Früher ist der Bischof geblieben, bis er umgefallen ist, oder er konnte in Ausnahmefällen zurücktreten, wenn er schwer krank wurde. Seit es Pflicht für jeden Bischof ist, zu seinem 75. Geburtstag sein Rücktrittsgesuch einzureichen, entwickeln sich eigentümliche Werturteile über den einen oder anderen, warum er nun geht oder bleibt. Ich finde die Altersgrenze sinnvoll, wenn sie für alle gilt. Aber jetzt bleibe ich, und dies mit Freude. Und dennoch frage ich mich manchmal: Werde ich den Anforderungen noch gerecht, verstehe ich alle, gerade auch die junge Generation?

Wenn man eine gute Gesundheit geschenkt bekommen hat, muss man im Alter auch lernen, sich mit weniger zu begnügen, seine Kräfte anders einzuteilen. Die Kunst des Alters ist es, mit Grenzen und Schmerzen zu leben und nicht bitter zu werden. Dass das Leben endlich ist, erfahren freilich alle Leute, nicht nur Bischöfe.

Wie hat sich Ihre Sicht auf Sterben und Tod mit zunehmendem Alter verändert?

Der Tod gehört zum Leben. Als Theologe und Bischof hat man immer mit Tod und Sterben zu tun, zunächst mit dem Tod anderer Menschen, aber das kann nicht dazu führen, dass man sich selbst ausnimmt. Man braucht eine entsprechende Einstellung zum Leben, muss das einüben, was der Tod uns dann endgültig lehrt. Das ist die Abschiedlichkeit unseres Lebens. Wir müssen uns darauf einrichten, Abschied zu nehmen, von Menschen und von dem, was wir tun. Das heißt auch, das man loslassen kann, dass man sich nicht verkrallt in irdischen Besitz oder Ansehen, Prestige und Macht. Dazu gehört eine Art von Gelassenheit, die wir heutzutage nicht mehr haben. Es braucht eine neue Kunst und Kultur des guten Lebens und dann auch des guten Sterbens.



Zu Ihrem 75. Geburtstag wird es viele Würdigungen geben: Wie beurteilen Sie Ihre Lebensleistung als Bischof?

Ich möchte hier bescheiden bleiben. Wenn man bedenkt, dass ich in einer Tradition von rund 1000 Jahren der 88. Bischof in einer langen Reihe bin, dann überschätze ich meinen Platz nicht. Meine Zeit ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass ich den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils erleben durfte. Das ist die Mitte meines Lebens, wobei ich das nicht nur auf die Kirche beziehen würde, da laufen ganz unterschiedliche geistige Linien zusammen.

Die 50 Jahre seit dem Konzil, die jetzt auch das nahende Ende meiner Amtszeit markieren, waren mein Versuch, das umzusetzen, was das Konzil wollte, ihm einerseits treu zu bleiben, aber andererseits neue Herausforderungen anzunehmen. Es geht darum, wie ein guter Hausherr aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorzuholen, wie Jesus sagt. Ob das gelungen ist, beurteilt ein anderer.



Das Interview führte Monika Nellessen

Der Missbrauchsskandal war Auslöser für die kirchliche Glaubwürdigkeitskrise. Die Ursachen liegen tiefer. Die Frage sei, so der Mainzer Bischof, wohin sich die katholische Kirche entwickelt. 	Fotos: Sascha Kopp

Der Missbrauchsskandal war Auslöser für die kirchliche Glaubwürdigkeitskrise. Die Ursachen liegen tiefer. Die Frage sei, so der Mainzer Bischof, wohin sich die katholische Kirche entwickelt. Fotos: Sascha Kopp

KARDINAL LEHMANN WIRD 75

Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, wird am Montag, 16. Mai, 75 Jahre alt. Lehmann gilt als einer der beliebtesten katholischen Oberhirten in Deutschland - auch weil er Stellung bezieht zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Dieser Tradition folgte er beim Exklusivinterview dieser Zeitung kurz vor seinem Geburtstag.

Kurzbiografie

Geboren am 16. Mai 1936 in Sigmaringen

Studium der Philosophie und Theologie in Freiburg und Rom

Priesterweihe 1963 in Rom

1968 Theologie-Professor in Mainz, 1971 Wechsel nach Freiburg

seit 1983 Bischof von Mainz

1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

seit 2001 Kardinal

Lehmanns Rücktrittsangebot, das für Bischöfe zum 75. Geburtstag vorgeschrieben ist, beantwortete Papst Benedikt XVI. im April mit der Bitte, Lehmann solle weiter im Amt bleiben.

Themen: Zukunft der Kirche, Dialog mit Laien, Ökumene. Lehmann gilt nicht als Kirchen-Revolutionär, wohl aber als einer, der sich für notwendige Reformen einsetzt. So plädierte er für einen neuen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und unterlag in der Auseinandersetzung mit Rom über den Verbleib der katholischen Kirche in Deutschland in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung.

Bistumsfest: Aus Anlass des 75. Geburtstags des Bischofs am Sonntag, 22. Mai, vor dem Mainzer Dom. Ab 10 Uhr Gottesdienst (TV-Live-Gottesdienst auf SWR und HR). Ab 13 Uhr buntes Programm von 142 Gruppen des gesamten Bistums. 17.30 Uhr Vesper im Dom.

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