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Die Rückkehr des Meisters der Menetekel

31.10.2008 - FRANKFURT

Von Michael Jacobs

Leonard Cohen bringt als altersweiser Troubadour seine dunkle Poesie in der Frankfurter Festhalle zum Leuchten

Vor dem Eintauchen unter die Kuppel der Frankfurter Festhalle geht der Blick fast reflexhaft durch das Spalier abgeflaggter Masten auf das Gebirge der Bankentürme. Ob sie noch stehen oder schon taumeln, tanzen in hypnotischem Sog dieses kindlich staunenden "Lalala", das ein elfengleicher Chor drinnen auf die Bühne perlt. Dann legt sich eine wölfisch warme Dunkelstimme drüber, und der große alte Meister der Menetekel liest uns die Zukunft. Sie könnte besser sein. "There´ll be the breaking of the ancient western code, your private life will suddenly explode, ... I´ve seen the future, brother: It is murder." Eigentlich hatte Leonard Cohen - in den 60ern gefeierter Dichter, dann Chef-Melancholiker der Songkunst, spiritueller Sinnsucher sowie passionierter Wein- und Frauenverkoster - schon den Chimären der Welt entsagt und sich vor Jahren in ein kalifornisches Buddhisten-Kloster zurückgezogen. Doch ein kapitaler Finanzcrash - seine Managerin brannte mit dem gesamten Vermögen durch - setzte den 74-jährigen Poesie-Patriarchen jetzt noch einmal in Marsch. Und wenn er an diesem Abend mit tief in die Stirn gezogenem Fedorahut, dunklem Anzug und aufleuchtendem Lächeln im markanten Profil wieder in die Elegien, Düsterballaden und Sehnsuchtsstrophen seines 40-jährigen Schaffens eintaucht, ist es wie ein Geschenk des Himmels - auch wenn der bis auf das ewige Licht der Liebe leergeräumt ist. Umgeben von einer famosen Band, die die wie aus einem dunklen Quell der Erkenntnis strömenden Visionen in melodische Wohlklang-Watte packt, umgarnt von einer Sängerinnen -Trias, die Cohens bitterem, auf Erlösung hoffenden Existentialismus tröstenden Widerhall schenkt, steht da ein Mann auf der Bühne, der weise an der Welt geworden ist. "Ain´t no cure for love" singt er mit Höhlenhall-Bariton, geht in die Knie, krümmt sich zum Fragezeichen, knickt ein wie vom Pfeil getroffen. Dazu klagt ein Saxophon, der Gentleman, immer noch Verführer, zieht den Hut, Hand aufs Herz. Erster Zeilen-Applaus flackert auf bei "Bird on a wire", das sich im langsamen Walzer wiegt; "I´m always alone, my heart is like ice" - das "Secret Life" des Trobadours, gesattelt auf eine schlingernde Orgel. Ein Flamenco-Präludium leitet das hymnische "Who by fire" ein, Harfe und Bouzouki gesellen sich dazu- ein flammendes Matra aus der Asche zerstobener Illusion. Doch Cohen bewegt sich leichtfüßig, milde abgeklärt, sogar mit vergnügten Hüpfern auf seinem "Boulevard of broken Dreams". Vor 14 Jahren sei er das letzte Mal hier gewesen, charmiert der Schwerenöter des suggestiven Wortgesangs. "Doch da war ich erst 60 - und mehr wie ein Kind mit einem verrückten Traum". Dann verengen sich die Seheraugen zu Schlitzen, um in "Anthem" der Dämmerung doch noch ein Licht abzuringen: "There is a crack in everything, that´s how the light gets in". Bevor Cohen in diesen drei wunderbaren, weltwunden Stunden das Zehenspitzen-Zupfmuster von "Suzanne" anschlägt - und dafür ein inniges "Danke schön" aus den Rängen erntet - umrundet er noch den "Tower of Song" mit der ironischen Seins-Essenz "Da du damm damm", um sich dann mit geballter Faust zu dem betörenden Agnostiker-Gebet "Halleluja" emporzuschwingen. "Ich bin nicht nach Frankfurt gekommen, um euch zum Narren zu halten", raunt Cohen sein Credo ins Publikum, das es längst aus den Sitzen gerissen hat. Und der Verseschmied der Vergänglichkeit macht noch lange nicht Schluss: Erst dann, als sich im opulenten Zugabenteil auch Muse Marianne verabschiedet hat, und die Himmelszeichen in "First we take Manhattan" wieder wie Menetekel leuchten. Eine Stunde vor Mitternacht geht ein Regen über Mainhattan nieder. Im Turm der Commerzbank brennt noch ein einsames Licht. Immerhin.

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